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Bremen 1914 - Erinnern vor Ort

 Mobilmachung des Infanterie-Regiments Nr. 75 im August 1914, © Staatsarchiv Bremen        |        Hauptbahnhof Bremen 2014, © Christoph Kellner

Herzlich willkommen!

 

welche Spuren hat der Erste Weltkrieg in Bremen hinterlassen?

 

Die Schlachten wurden in weiter Ferne ausgetragen. Dennoch gibt es Orte, die an die "Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts" erinnern. Diese haben wir gesucht und werden sie von nun an auf der untenstehenden Karte > eintragen. Klicken Sie darauf und gelangen Sie zu den dazugehörigen Geschichten, Fotos, Videos und Hörbeiträgen.

 

Die Suche geht weiter – gemeinsam mit Ihnen. Helfen Sie mit und nennen Sie uns Orte >  in Bremen und umzu, die noch heute an die Kriegsjahre 1914 bis 1918 erinnern, damit wir sie ebenfalls auf der Karte eintragen.

 

Wir wünschen Ihnen anregendes Lesen, Anschauen und Hören!

Kapitel 1

Die Unruhe vor dem Sturm

VON MATTHIAS SANDER, KLAAS MUCKE, KIRA PIEPER, JAN RAUDSZUS UND JÖRN SEIDEL

 

Viele Orte in Bremen erzählen noch heute vom Alltag im Juni 1914. Was für eine Stadt war Bremen in diesem Schicksalsjahr? Ein Spaziergang durch die Stadt lässt  den Bremer Alltag vor dem Ausbruch des Krieges lebendig werden.

 

Der Tag vor Beginn des Weltuntergangs ließ sich in Bremen ganz vergnüglich verbringen. Am 28. Juni 1914, einem Sonntag, ermordeten serbische Nationalisten den österreichischen Thronfolger. Die vielzitierte „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ nahm ihren Lauf – und nach vier Jahren Krieg sollte die alte Welt untergegangen und eine neue entstanden sein. All das konnte man sich wohl schwer vorstellen am Tag vor dem Attentat von Sarajevo, als die Bremer Zeitungen in Anzeigen für Geschäfte, Gaststätten und Theater warben.

 

An jenem Sonnabend konnte man etwa am Brill beim Herrenschneider Ittmann einen Maßanzug für zwei Mark kaufen, gerne in „bequemer wöchentlicher Teilzahlung“. Im Überseehafen bot eine Aquarien- und Terrarienhandlung „in- und ausländische Zierfische und Reptilien“ an, zum Sortiment gehörten „Makropode“ und „Geophagus“, also Paradiesfische und Buntbarsche. Die „Berlitz School of Languages“ in der Hutfilterstraße warb mit neuen Kursen in „Englisch, Französisch, Spanisch etc.“ Abends konnte man ins Tivoli-Theater am Hauptbahnhof gehen, zur Operette „Die ideale Gattin“ – das Stück „Wenn Männer schwindeln“ lief im Schiller-Theater in Walle. Wer dann noch um die Häuser ziehen wollte, der landete vielleicht in der Japanisch-Chinesischen Teestube am Schüsselkorb. In deren Annonce hieß es nämlich: „Tag und Nacht geöffnet!“

 

All diese Orte gibt es heute nicht mehr. Wo der Herrenschneider war, werden heute Rollläden verkauft, wo das Tivoli-Theater sich befand, steht nun ein Supermarkt. Manche Straßen heißen längst anders, viele Gebäude wurden im Zweiten Weltkrieg zerstört. Trotzdem gibt es in Bremen noch heute einige Gebäude, die weiterhin wie vor 100 Jahren genutzt werden: als Kolonialwarenladen oder Gaststätte, als Schule oder Museum. Das sind Orte, an denen man mit etwas Fantasie eine Zeitreise machen kann – zurück in die erste Hälfte des Jahres 1914.

 

 

Der Kolonialwarenladen am Ostertorsteinweg

Einer der Orte, an denen man sich prima in die Vergangenheit versetzen kann, ist der Kolonialwarenladen Holtorf im Ostertorsteinweg. Das riesige Schaufenster zieht einen förmlich ins Geschäft, und da steht man dann vor der zehn Meter langen Theke, den 169 Schubfächern gefüllt mit Orangeade und rotem Pfeffer, gemahlenem Senf und Curry, vor den hohen Jugendstil-Regalen voller Münchhausen-Kaffee und Spirituosen.

 

Diese Lebensmittel verkaufte schon Wilhelm Holtorf, der den Laden 1874 eröffnete und 1903 komplett umbauen ließ – in jenem Zustand ist er weitgehend bis heute. 1914 war Holtorf noch einer von mehr als 500 Kolonialwaren- und Tante-Emma-Läden in Bremen. Mittlerweile gibt es nur noch diesen einen Kolonialwarenhändler, und von den übrigen rund 350 Lebensmittel-Läden gehören gut 150 den Supermarktketten.

 

Der Ladengründer war ein umtriebiger Geschäftsmann: Wilhelm Holtorf verschickte als wohl erster Bremer seinen selbst gerösteten Kaffee an betuchte Kunden in ganz Deutschland, auch auf Gutshöfe in Pommern und Schlesien. Im Laden bekam man Konserven mit Spargel oder Brechbohnen, Gänse- oder Hasenbraten. Graupen, Linsen und Reis lagerten kiloweise in den metallischen Vorratsbehältern an der Wand, die heute Dekoration sind. Die Ware kam oft vom anderen Ende der Welt, und ungefährdete Handelsrouten gab es nur ohne Krieg.

 

 

Die Bremer Kunsthalle

Weiter geht‘s auf dem Ostertorsteinweg Richtung Innenstadt zur Kunsthalle. Dort verbindet ein Gemälde von Henri de Toulouse-Lautrec das Heute mit dem Damals: „Junges Mädchen im Atelier“ heißt es. Die Kunsthalle kaufte es während ihrer „Internationalen Ausstellung“ im Frühjahr 1914, heute hängt das Bild in der Dauerausstellung im Obergeschoss. Das Werk war damals eines von 166 Bildern von Beckmann bis van Gogh, die Einblicke in die europäische Malerei seit Mitte des 19. Jahrhunderts geben sollten. Die Ausstellung zog fast 16000 Besucher an.

 

Von der „Weserzeitung“ wurde sie als „im hohen Maße imposant“ gelobt. Die „Bremer Nachrichten“ hingegen beklagten, „dass gewisse Kunstäußerungen unseres Rassenmilieus spärlich vorgeführt werden“. In dem Artikel geht es nur beiläufig um die Ausstellung – stattdessen um politische Weltanschauungen: „Wir sind in einer Übergangszeit, und das im Zentrallande Europas, wo immer mehr Völkergemisch um sich greift, wo ein fiebernder Daseinskampf und Daseinsrausch durch die Hunderttausende geht“, so der Rezensent. Als Land der geografischen Mitte „flutet von überallher das Leben herein“, schreibt er über Deutschland in Anbetracht dieser vielfältigen Malerei und fragt: „Wird unser Volkscharakter stark genug sein“, um das alles zu verarbeiten?

 

Das Bild von Toulouse-Lautrec lobt er wenige Tage später dennoch – weil es „voll ist von zeichnerischer Delikatesse“.



Das Hermann-Böse-Gymnasium  |  © Roland Scheitz

Schloss oder Schule? Ganz klar ist das nicht beim Betrachten für Ortsfremde, wenn sie das erste Mal das Hermann-Böse-Gymnasium hinter dem Hauptbahnhof sehen. Das wuchtige Gebäude ragt steil empor, drei Bögen bilden das Eingangsportal, Giebel zieren die hohen Fenster, und zur Straße hin reckt sich ein märchenhafter Turm. Bildung zählte etwas, als die Schule 1906 fertiggestellt wurde, damals hieß sie noch Realgymnasium. Ab 1908 durften auch Mädchen sie besuchen, 1913 stellten sie immerhin 74 der 560 Schüler.

 

Schwerpunkte des neuen Gymnasiums waren moderne Sprachen und Naturwissenschaften, davon zeugen noch heute die Skulpturen von Goethe und Kopernikus über dem Eingang. Französisch wurde ab der fünften Klasse unterrichtet, und zwar mit zwei Wochenstunden mehr als Deutsch. Auch Englisch und Latein bekamen in manchen Klassenstufen mehr Platz als Deutsch – in der Unterprima, der zwölften Klasse, gab es in beiden Fächern alle 14 Tage Klassenarbeiten, in der Muttersprache nur sechs pro Schuljahr. Der Wunsch des Kaisers, den Deutsch-Unterricht zu stärken, wurde also nur bedingt erhört.

 

Ganz anders war das bei den Abitur-Themen: Die waren oft nationalistisch und militaristisch. So mussten die Schüler des Realgymnasiums im Frühjahr 1914 Aufsätze schreiben zum Schiller-Zitat: „Und setzet ihr nicht das Leben ein, nie wird euch das Leben gewonnen sein“.



Das Turmzimmer im Rathaus

Nun ins Stadtzentrum. Im Rathaus diskutierten Politiker 1914 über Themen wie die Wohnungsnot kinderreicher Familien, und nur ein paar Zimmer weiter herrschte Leerstand: Das Turmzimmer neben dem Festsaal war von der Freien Hansestadt 1913 für Kaiser Wilhelm II. prunkvoll eingerichtet worden, auf dass seine verehrte Hoheit bei Empfängen in Bremen einen angemessenen Rückzugsort habe.

 

Der Rundbau zeigt sich noch heute in seiner ganzen Pracht. Bis unter die Decke ziert bunter Marmor das Zimmerchen. An der Wand prangt ein großes Medaillon, das Wilhelms Kopf im Profil zeigt. Die beiden Stühle im Raum erinnern an Throne. Und auch der Blick hinaus auf die Liebfrauenkirche ist nicht zu verachten. Doch der Kaiser genoss diese Aussicht nur ein einziges Mal, im März 1913. Als er dann 1914, kurz nach Kriegsbeginn, seine Flotte in Wilhelmshaven besuchte, blieb keine Zeit mehr für einen längeren Stopp in Bremen.

 

Hundert Jahre später wird das Turmzimmer nach wie vor bei Empfängen genutzt. Allerdings nicht für Kaiser-Besuche, sondern als Schminkzimmer oder Abstellraum.



Die  Baumwollbörse

Auf der anderen Seite des Marktplatzes, in der Baumwollbörse, empfängt einen ein freundlicher Pförtner, bevor man über eine großzügige, mit weißem Marmor veredelte Treppe in den Untiefen des kolossalen Gebäudes verschwindet.

 

1914 war das ganz anders: Es gab weder den Pförtner noch den Marmor, und das Gebäude konnte man von außen mehr erahnen als sehen. Die Fassade war nämlich komplett umbaut mit hölzernen Gerüsten, die den seit zwei Jahren bröckelnden Sandstein auffangen sollten. Geschieht denen gerade recht, mögen Zyniker damals gesagt haben. Denn mancher Bremer störte sich daran, dass die Baumwollbörse mit ihrer prächtigen Fassade dem schnieken Alten Rathaus Konkurrenz machte. Doch Schadenfreude war unangebracht: Ein Steinbrocken hatte bereits 1912 einen Menschen erschlagen.

 

Hinter den bröckelnden Mauern aber liefen die Geschäfte weiter gut. Im vierten Stock etwa bewerteten sogenannte Klassierer die Qualität von Baumwollballen, die überwiegend aus den USA kamen. Gelassen vernahm man in der Börse das zunehmende Säbelrasseln der europäischen Großmächte. Denn sollte ein Krieg ausbrechen, würde der Handel mit Baumwolle schon weitergehen, glaubte man. Überhaupt schien sicher: Einen Krieg würde Deutschland gewinnen, und zwar schnell.



Die Gaststätte „Gastfeld“ in der Neustadt

Über die Weser geht‘s in die Neustadt. In der Kneipe „Gastfeld“ bekommt das Wort „Altbier“ eine neue Bedeutung: Gäste betreten das 1911 eröffnete Lokal durch einen Windfang, wie er damals üblich war. Mäntel, Handtaschen und Schirme kann man an einer silberlackierten, geschwungenen Garderobe aufhängen. Die Stammgäste am Tresen genießen ihr Frischgezapftes vis-à-vis eines hübschen Jugendstil-Regals. Wer nicht auf Barhockern thront, macht es sich auf originalen Eichestühlen bequem, an originalen Eichetischen, deren Platten sich über die Jahrzehnte nach innen gewölbt haben. An der Wand hängt ein Schwarz-Weiß-Foto von der Eröffnung der Gaststätte, darauf die Betreiber, aufgereiht hinter dem Tresen: Wilhelm Siemering, den linken Arm auf die Kuchenauslage gelehnt; daneben seine Frau Sophie in weißer Schürze und die Adoptivtochter Marie, ein Bier zapfend.

 

1907 wurde das Gebäude in der Gastfeldstraße 67 fertiggestellt. Damals wuchs die Neustadt stark, weshalb die Stadt diskutierte, die Straßenbahn über die Pappelstraße hinaus zu verlängern. Im „Gastfeld“-Gebäude war zunächst ein Obst- und Gemüseladen, schon nach vier Jahren aber zog die gleichnamige Gaststätte ein. Viele Gäste dürften Arbeiter und Handwerker gewesen sein, von denen gab es in der Neustadt viele. Vielleicht lasen sie beim Bier die sozialdemokratische „Bremer Bürger-Zeitung“, die am 27. Juni 1914 in einem langen Artikel den deutschen Militarismus kritisierte. So oder so, sicher ist: Im „Gastfeld“ trank man Kaiser-Bier, und das war laut Eigenwerbung „Das Beste!“.

 

Aber wer wusste das schon so genau – damals, als es in Bremen nicht nur eine große Brauerei gab, sondern viele kleinere, mit Namen wie St. Pauli, Germania oder Falkenberg?

 

 

Der alte Freihafen I

Zurück zur Weser, ab in den Europahafen. Statt großer Dampfer wie früher liegen hier heute nur einige kleine Yachten. Und im Schuppen Eins oder Speicher XI geht man in Restaurants oder in Fitnessstudios – eat out oder work out, das ist in.

 

Auch vor 100 Jahren zogen die Bremer in ihrer Freizeit in den Freihafen I, wie der Europahafen damals hieß. Es lockten sie die Seitenraddampfer des Norddeutschen Lloyd, die sie in sechs Stunden und 40 Minuten über Brake, Nordenham und Bremerhaven auf die Insel Wangerooge brachten. An den Kajen nebenan wurde derweil hart gearbeitet. Allerhand Fracht musste entladen werden: Wein in Fässern, Getreide in Säcken, Ballen mit Baumwolle. Den Zustand der Ware begutachtete der sogenannte Tallymann: Entsprach die Lieferung wirklich der Bestellung?

 

Einfache Hafenarbeiter verdienten vier Mark am Tag, die Schicht dauerte neun Stunden. Ein sicherer Job, dachte man, denn das Geschäft brummte: Im Jahr 1913 hatten 6323 Schiffe in den Bremischen Häfen angelegt, im Schnitt mehr als 17 täglich. Und warum sollten es nicht noch mehr werden?



Der Bremerhavener Hauptbahnhof

Flussabwärts bis ans Meer: Der 100 Jahre alte Bremerhavener Hauptbahnhof erstrahlt seit 2011 in neuem Glanz. Er wurde kernsaniert, bekam Fahrstühle. Die Eingangshalle wurde nach oben hin wieder geöffnet und erinnert somit an den Originalzustand. Hier und da tauchen Relikte auf: Jugendstilreliefs, der Schriftzug „Wartesaal 2. und 3. Klasse“. Eingeweiht wurde das Gebäude – damals mit zweibögiger Bahnsteighalle – im Frühsommer 1914 als Bahnhof Geestemünde-Bremerhaven, kurz nach dem ebenfalls neuen Bahnhof Lehe.

 

Die drei Unterweser-Städte, die erst 1939 vereinigt wurden, verfügten so endlich über angemessene Personenbahnhöfe. Denn die Züge spuckten hier Massen an Menschen aus, die Dampfer nach Übersee bestiegen. Personenschifffahrt und Frachtverkehr prägten das Wirtschaftsleben der Region. Allein beim Norddeutschen Lloyd arbeitete ein Zehntel der Bremer Bevölkerung. Ein abruptes Ende des internationalen Schifffahrtsverkehrs war im Juni 1914 für die Menschen an der Weser eine unvorstellbare Katastrophe.

 

 

Straßennamen in Bremen erinnern noch heute an den Ersten Weltkrieg.

Interview
„Ich teile die Angst vor einem neuen großen Krieg“

Wie lebten die Deutschen am Vorabend des Ersten Weltkriegs? Gab es Anzeichen für die nahende Katastrophe? Und was lehrt jene Zeit für die Gegenwart? Jörn Seidel sprach mit dem emeritierten Bremer Geschichtsprofessor Karl Holl über die deutsche Gesellschaft vor 100 Jahren.

Professor Holl  |  © Christoph Kellner

Herr Holl, hat man vor 100 Jahren ahnen können, dass ein Weltkrieg bevorsteht?

Karl Holl: Zumindest gab es Zeitgenossen, die eine Ahnung davon hatten. So beschreibt etwa Georg Heym in seinem 1911 veröffentlichtem Gedicht „Der Krieg“, wie dieser langsam erwacht und dann schnell und schrecklich wütet. Dem Sozialdemokraten August Bebel schwante schon lange Zeit ein großer „Kladderadatsch“. Und der Bremer Friedensnobelpreisträger Ludwig Quidde warnte bereits 1912 wortwörtlich vor einem Weltkrieg.

Hier können Sie sich Georg Heyms Gedicht „Der Krieg“ anhören.

Was gab den Anlass zu solchen Sorgen?

 

Da gab es vielerlei. Zum einen herrschte auf dem Balkan Krieg. Infolge der Bündnispolitik waren auch andere Staaten betroffen. Gleichzeitig gab es ein übersteigertes Nationalgefühl und koloniale Bestrebungen von sich entfaltenden Mächten wie Deutschland und Italien, die mit den etablierten Imperien Frankreich und Großbritannien mithalten wollten. Angetrieben wurde das hierzulande von der Forderung, auch Deutschland solle seinen „Platz an der Sonne“ haben. Außerdem fühlte man sich von Feinden eingekreist – als Ergebnis sorgloser Außenpolitik. Die Folge: ein hemmungsloses Wettrüsten.

 

Was bekam man im Bremer Alltag von alldem mit?

 

Ernsthaft bekümmert hat das wohl nur wenige. Denn ökonomisch gesehen waren es ja relativ rosige Zeiten. Deutschland stand in Europa damals an der Spitze des Wohlstands – ähnlich wie heute. Es gab eine gewisse Behaglichkeit und das Gefühl von Sicherheit. Trotz des preußisch-deutschen Säbelrasselns hat man sich zum Beispiel auf dem Bremer Freimarkt vergnügt. Und das Bürgertum, soweit es sich leisten konnte, machte Urlaub in Nizza, Rom oder Venedig.

So sah das Treiben in der Obernstraße im Jahr 1912 aus.  |  © Staatsarchiv Bremen

Profitierte auch die Arbeiterschaft vom Wohlstand?

 

Gewerkschaften und Sozialdemokraten hatten höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen erkämpft. Für soziale Absicherung sorgte nicht zuletzt die Bismarcksche Sozialgesetzgebung, die der SPD den Nährboden entziehen sollte. Somit stand die Arbeiterschaft in Deutschland vor dem Krieg deutlich besser da als in Frankreich, England oder Russland. Soziale, politische Spannungen gab es natürlich trotzdem. In Preußen, dem mit Abstand größten und wirtschaftlich stärksten Staat im Reich, existierte ja das Dreiklassenwahlrecht.

Um 1905 galten noch schlechtere Löhne für diese Arbeiter der AG Weser. Bis 1914 hatte sich deren Situation  verbessert.  |  © Staatsarchiv Bremen

Wie funktionierte das?

 

Die Wähler wurden nach Steuerleistung in Klassen eingeteilt. Dadurch hatten der landbesitzende Adel und das Bürgertum deutlich mehr Einfluss auf die preußische Politik als Arbeiter. Die herrschende Schicht konnte sich somit darauf verlassen, dass die politischen Verhältnisse zu ihren Gunsten stabil blieben. Auch für die Bremische Bürgerschaft galt ein ungleiches Wahlrecht. Kaufleute und Akademiker waren im Vorteil. Übrigens durften Frauen im Kaiserreich überhaupt nicht wählen. Aber viele kämpften dafür – zum Beispiel die Bremer Frauenrechtlerin Auguste Kirchhoff. Insgesamt herrschte in Deutschland zu jener Zeit ein undemokratisches, rückständiges politisches System! Frankreich und Großbritannien waren da weiter.

 

Was war sonst noch charakteristisch für die deutsche Gesellschaft jener Zeit?

 

Das Kasernenhofdenken, das Strammstehen, die Uniformierung der Gesellschaft. Während es den allgemeinen, dreijährigen Militärdienst gab, hatten Söhne aus wohlhabenden Familien das Privileg, sich als sogenannter Einjährig-Freiwilliger zu verpflichten. Das bedeutet, dass sie nach ihrer mittleren Reife innerhalb eines Jahres zu Reserveoffizieren ausgebildet wurden. Mit einem solchen Zertifikat in der Hand kehrten sie dann in ihr bürgerliches Leben zurück und wurden zum Beispiel Lehrer oder Kaufleute.

 

Mit welchen Auswirkungen?

 

Bei jeder Gelegenheit – Festen oder offiziellen Anlässen – kleideten sie sich in Uniform. Denn als Offiziere genossen sie ein hohes gesellschaftliches Ansehen und machten Eindruck bei jungen Frauen. Vor allem aber trugen sie das militärische Denken und den autoritären Ton hinein in den gesellschaftlichen Alltag. Übrigens prägte jene zackig-militärische Art im Kaiserreich lange Zeit das Bild des deutschen Mannes.

 

Heute ist die Gesellschaft weder so militaristisch noch derart sozial gespalten. Trotzdem macht die aktuelle Weltlage vielen Angst. Können Sie das nachvollziehen?

 

Ich teile die Angst vor einem neuen großen Krieg. Denn die Situation vor 100 Jahren ist erschreckend aktuell. Auch heute wiegen wir uns in Sicherheit und vertrauen der scheinbaren Ruhe. Dabei erreicht der Ukraine-Konflikt fast jeden Tag eine weitere kleine Stufe der Eskalation. Es gibt die Macht der Zufälle – niemand kann sie vorhersehen. Manchmal genügt ein einziger Funke, um das Pulverfass zur Explosion zu bringen. Man sollte daher achtsam sein und weitsichtige Politiker wählen. Sonst kann es passieren, dass man eines Morgens aufwacht, sich die Augen reibt und sagt: Wir haben ja Krieg! Warum hat man uns das nicht schon gestern gesagt?

 

Professor Karl Holl  |  © Frank Thomas Koch

Professor Karl Holl (82) lehrte von 1971 bis 1996 an der Universität Bremen Neuere und Neueste Geschichte. Einer seiner Forschungsschwerpunkte liegt auf der deutschen Friedensbewegung. Zu seinen bekanntesten Büchern gehören „Pazifismus in Deutschland“ und die Biografie „Ludwig Quidde (1858-1941)“. Den Bremer Friedensnobelpreisträger Quidde stellen wir nächste Woche vor.

 

Kapitel 2

Die zerrissene Stadt

VON KATHRIN ALDENHOFF UND ALEXANDER TIETZ

 

Der Kriegsausbruch spaltete Bremen in zwei Lager. Die einen waren voller Euphorie. Die anderen voller Widerstand. Mittendrin zwei Brüder aus Bremen: Rudolf und Ludwig Quidde. In ihrer Haltung zum Krieg hätten sie unterschiedlicher nicht sein können.

 

Bremen. Als Deutschland Russland am 1. August 1914 den Krieg erklärt, erfasst ein patriotischer Rausch das Land. In Bremen versammeln sich Menschen am Abend und in den Folgetagen in der Stadtmitte. Sie verteilen Flugblätter, schwenken Flaggen, schmücken Denkmäler. Beinahe alle Schüler des Abiturjahrgangs 1914 melden sich als Kriegsfreiwillige, bremische Arbeiter geben sich dem Kriegstaumel hin.

Kriegsbegeisterung auch in der Bremischen Bürgerschaft: Am 12. August 1914 hält der damalige Präsident Rudolf Quidde eine denkwürdige Rede. Um 6.18 Uhr tritt der 53-Jährige ans Pult und erklärt, dass die Deutschen „zu kämpfen haben“. Dass sie unter „Aufwendung aller Kräfte die Feinde“ niederringen müssen.

Wenige Tage vorher, im 500 Kilometer entfernten Brüssel, erhält Henri Marie La Fontaine einen Brief. Der belgische Politiker und Friedensnobelpreisträger liest die Zeilen des Autors: „Wie das Publikum sich bei uns in den Gastlokalen und auf der Straße benimmt, ist ekelhaft. Die reine Kriegstrunkenheit.“ Die letzten Zeilen beschließt der Autor mit den Worten: „Hoffentlich ist unsere Regierung besonnener als die Volksmassen, die auf der Straße demonstrieren.“

Bremen beim Kriegsausbruch - Eine szenische Lesung der Shakespeare Company

Die Hoffnungen sind vergebens. Der Absender, Ludwig Quidde, muss hinnehmen, dass die politischen Akteure längst am Krieg hängen. So auch sein drei Jahre jüngerer Bruder Rudolf: Er steht vor der Bürgerschaft und erklärt, dass der Senat „zu jedem Opfer bereit ist.“ An jenem 12. August fordert Rudolf, dass „jeder einzelne wehrpflichtige Deutsche mit Begeisterung dem Ruf zu den Fahnen“ folgen möge. Um 6.45 Uhr schließt der Präsident die Rede mit den Worten: „Hoch Kaiser und Reich, hoch Heer und Marine! Hoch! Hoch! Hoch!“ Die Audienz quittiert: „Bravo, Bravo!“

 

Bravo rufen auch die Menschen auf der Straße. Doch es gibt auch solche, die Flugblätter zerreißen und gegen die Kriegstrunkenheit protestieren, unter ihnen vor allem Sozialdemokraten. Einer der Kriegsgegner und Pazifisten ist Ludwig Quidde. Er war „alles andere als ein sentimentaler Friedensschwärmer“, schreibt der Historiker Karl Holl. Er habe politischen Realitätssinn mit betontem Nationalbewusstsein verbunden und ein „für deutsche Verhältnisse ungewöhnliches Maß an Kompetenz in Fragen der internationalen Politik“ gehabt.

 

„Menschen dieser Art geraten schnell in Vergessenheit“

Jahrelang sei Ludwig Quidde das Aushängeschild des deutschen Pazifismus gewesen, sagt der Bremer Verleger Helmut Donat heute. Der 67-Jährige beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit den beiden Weltkriegen und der Pazifismusbewegung. „Die schärfsten Gegner der Nazis sind die Friedensbewegten“, sagt er. Deshalb sei die Friedenbewegung für ihn als Verleger so wichtig. Vor 25 Jahren organisierte er eine Ausstellung über die Friedensbewegung in Bremen im Staatsarchiv. Ludwig Quidde nahm da einen prominenten Platz ein, drei Tafeln waren ihm gewidmet.

„Der Beginn des Ersten Weltkrieges war ein Schock"

Bevor Ludwig Quidde zu einem berühmten Pazifisten wurde, war er vor allem Historiker. Aber mit der Veröffentlichung der Schrift „Caligula. Eine Studie über römischen Cäsarenwahn“ hatte er 1894, mit 36 Jahren, seine wissenschaftliche Karriere ruiniert. Er zog den Zorn der Menge auf sich, Fachkollegen wandten sich ab. In der Schrift beschrieb er den römischen Kaiser Caligula. Gemeint hatte er jedoch Kaiser Wilhelm II. In der kaum verhüllten Satire schrieb Quidde von einer „nervösen Hast“ des Kaisers, in den Auftritten Wilhelms des II. erkannte er wahnhafte Züge. Eine spätere Äußerung, es sei eine „Lächerlichkeit und politische Unverschämtheit“, eine Gedenkmedaille auf Kaiser „Wilhelm den Großen“ zu stiften, brachte ihn ins Gefängnis: Wegen Majestätsbeleidigung saß er drei Monate in München-Stadelheim in Haft.

 

Mit dem Ende seiner wissenschaftlichen Karriere begann die politische. Immer stärker wandte sich Ludwig Quidde nun dem Pazifismus zu. Seit 1902 gehörte er dem Präsidium der Deutschen Friedensgesellschaft (DFG) an und war kurze Zeit später Mitbegründer der Bremer Ortsgruppe der DFG. Obwohl er seit Jahren in München lebte, blieb Quidde seiner Heimatstadt immer verbunden. Er war oft zu Besuch in der Stadt und sah dann auch seinen Bruder Rudolf.

Ludwig Quidde

Die beiden Quidde-Brüder sind 100 Jahre nach Beginn des Ersten Weltkriegs nahezu vergessen. Erst nach langer Suche finden sich im Bestand der Bibliothek der Bürgerschaft einige Absätze über den früheren Parlamentspräsidenten. Und selbst der Friedensnobelpreis, den Ludwig Quidde 1927 gemeinsam mit dem Franzosen Ferdinand Buisson für seine Bemühungen um die deutsch-französische Aussöhnung erhielt, bewahrte ihn nicht vor dem Vergessenwerden. In Bremen erinnert kein Platz, nicht einmal eine Allee an den einzigen Nobelpreisträger der Stadt. Nur eine Straße wurde 1958 nach ihm benannt. Sie ist 350 Meter lang und führt in Hastedt unter anderem an einem Erotikshop und einem Aldimarkt vorbei.

Feind, Todfeind, Genosse

Die SPD bekriegte sich im Krieg selbst – besonders in Bremen

VON MATTHIAS SANDER

Bremen. Am 3. August 1914 stimmen die Sozialdemokraten im Berliner Reichstag intern ab: für oder gegen die Kriegskredite? Dafür sind 78, dagegen 14, unter ihnen der Bremer Alfred Henke. Tags drauf jedoch, im Plenum, stimmen alle Genossen für den Krieg. Niemand will als vaterlandsloser Geselle gelten. Auch Henke nicht.

 

Der Chefredakteur der sozialdemokratischen „Bremer Bürger-Zeitung“ ist eine zentrale Figur der Bremer SPD in jenen Jahren. Bei der Reichstagswahl 1912 siegte er klar mit 53 Prozent der Stimmen, nun sitzt er als Bremens einziger Abgeordneter in Berlin. Überhaupt erzielt die SPD gute Wahlergebnisse, in Bremen wie im Kaiserreich. Doch wegen des Klassenwahlrechts ist ihr Einfluss gering. Zumindest im Parlament.

 

Auf der Straße sieht es anders aus. Rund 15000 Mitglieder zählt die Bremer SPD Mitte 1914, und die weiß sie zu mobilisieren. Sieben Demos gegen einen drohenden Krieg organisieren die Genossen Ende Juli 1914. Es kommen offenbar auch Nicht-Mitglieder - anders als ein Jahr zuvor, als die Bremer SPD protestierte gegen Militarismus, Imperialismus und Kapitalismus.

 

Linke Revolutionäre dominieren nämlich den Ortsverein. Die „rechten“ Reformer stellen zwar Führungskräfte, bleiben aber eine parteiinterne Minderheit. Zwischen beiden Flügeln gibt es ein zentristisches Lager: Dessen Ideen sind zwar revolutionär, das Vorgehen aber pragmatischer als das der Linken. Diese drei Strömungen geraten im Krieg zunehmend aneinander.

 

Auf der einen Seite der Front stehen zunächst die linken und zentristischen Sozialdemokraten, auf der anderen die „rechten“ SPDler. Letztere stellen in der Parteiführung und im Reichstag die Mehrheit und bewilligen stets die Kriegskredite. In Bremen jedoch werden sie ab 1916 systematisch von den beiden anderen Lagern aus Ämtern gewählt, heißt es im Buch „150 Jahre Sozialdemokratie Bremen und Bremerhaven“.

Gespräch mit Henning Scherf über Krieg und die SPD

Die Linksradikalen sperren gar die Zahlung der Mitgliedsbeiträge an den Parteivorstand in Berlin. Daraufhin schmeißt der Vorstand den Bremer Ortsverein aus der Gesamtpartei heraus. Aus heutiger Sicht gilt da wohl schon nicht mehr das geflügelte Wort „Freund, Feind, Parteifreund“. Sondern vielmehr in Anlehnung an Franz Josef Strauß: Feind, Todfeind, Genosse.

 

Den Ortsverein übernehmen die Linksradikalen. Die sogenannten Mehrheitssozialisten, die in Bremen ja eine Minderheit sind, gründen im Dezember 1916 den „Sozialdemokratischen Parteiverein Bremen“. Schließlich folgen die Zentristen im April 1917 reichsweit mit der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (USPD). Deren Bremer Ortsgruppe gründet der erwähnte Alfred Henke, der mittlerweile im Reichstag gegen die Kriegskredite stimmt.

 

Endlich klare Verhältnisse? Mitnichten. Die Bürgerschaftsfraktion schließt sich den Mehrheitssozialisten an – mit Ausnahme Henkes und eines weiteren Abgeordneten. Die Fraktion genehmigt immer wieder die Ausgaben der eigens geschaffenen Kriegsdeputation. Die soll zwar hauptsächlich soziale Probleme lösen, die Genossen begründen ihre Voten jedoch meist stramm patriotisch, schreibt Herbert Schwarzwälder in seiner „Geschichte der Freien Hansestadt Bremen“. Umgekehrt lobt der USPDler Henke im Februar 1918 in der Bürgerschaft den „Geist der Bolschewiki“ und ruft: „Ich wünsche den Tag herbei, wo die Revolution in Deutschland siegt!“ Die Revolution sollte noch kommen – und die Spaltung der SPD verfestigen.

Vier Jahre Westfront

Tausende Bremer Soldaten kämpfen im Stellungskrieg in Frankreich gegen die Alliierten

VON MAX POLONYI

Bremen. Weser-Zeitung, 27. Oktober 1915, seit 14 Monaten herrscht Krieg: „Nordöstlich von Massiges drangen die Franzosen im Handgranatenkampf an einer schmalen Stelle in unseren vordersten Graben ein. Sie wurden nachts wieder vertrieben.“ Depeschen wie diese werden tausendfach in Zeitungen abgedruckt. Die Zivilbevölkerung wird so über die Geschehnisse an der Front informiert – im Namen der Obersten Heeresleitung (OHL). Und wenn die Bremer auf Nachricht von ihren Angehörigen hoffen, die mit dem heimischen Infanterie-Regiment 75 seit Kriegsausbruch an der Westfront kämpfen, sind es oft nicht mehr als ein paar Worte, die die OHL dem Kampf in Frankreich widmet. „Sonst keine besonderen Vorkommnisse“, heißt es meist. Der Stellungskrieg bietet wenig Anlass, von Erfolgen zu berichten. Die Verluste sind hoch. Immer wieder wird die Truppenstärke des Regiments mit jungen Soldaten aus der Heimat aufgestockt.

 

Soldaten des Infanterie-Regimentes Nr. 75 posieren für ein Gruppenfoto auf dem Exerzierplatz in der Neustadt.  |  © Torsten Schnaars, historic.de

1. August 1914. Wenige Tage nach Österreich-Ungarns Kriegserklärung an Serbien beginnt die Mobilisierung in Deutschland. In Bremen müssen rund 3000 Soldaten in ihre Kaserne am Neustadtswall einrücken. Vier Tage später erklärt Kommandeur Jaeger das Regiment für marschbereit. Am 8. August beginnt der Sturm auf Lüttich. Es muss schnell gehen, die OHL hat den Schlieffen-Plan befohlen. Innerhalb weniger Wochen sollen die gebündelten deutschen Kräfte Belgien und Frankreich überrennen.

 

Den Bremer Infanteristen gelingt mit dem Heer der Durchmarsch bis an die Marne, östlich von Paris. Dort stehen sieben Tage lang eine Million Briten und Franzosen 750000 Deutschen gegenüber. Mehr als eine halbe Million Mann lassen ihr Leben, werden gefangen genommen oder verwundet. Der deutsche Vormarsch ist gestoppt, der Schlieffen-Plan gescheitert. Die Armeen vergraben sich in Stellungen.

 

Einer der Bremer Infanteristen ist Albert Bode, der in diesem September 33 Jahre alt ist. Im grauen Feldanzug, mit eiserner Pickelhaube und bewaffnet mit dem Gewehr 98, das maximal 15 Schuss die Minute abfeuern kann, kämpft er in den Schützengräben der Westfront. Der Stellungskrieg zermürbt. Die Parteien befeuern sich gegenseitig mit Artillerie – Bode und seine Kameraden müssen das Feld meiden, um den Granaten nicht zum Opfer zu fallen.

 

Bis zum November 1918 zieht das Bremer Regiment an der Westfront entlang. Tausende sterben in Schlachten um wenige Meter Boden. Der Frontverlauf ändert sich bis Kriegsende kaum. Bode erlebt es nicht mehr. 18 Tage nach seinem 36. Geburtstag, am 31. Oktober 1916, stirbt er in Frankreich.

 

Immer mehr Gefallenenmeldungen erreichen Bremen. Die OHL lässt weiter mitteilen: „Keine besonderen Vorkommnisse“, und die Zustimmung der Bevölkerung zum Krieg sinkt rasant. „Zu den Mitteln, die Stimmung zu verbessern, gehörten Ordensverleihungen“, schreibt der Historiker Herbert Schwarzwälder. Deshalb stiftet der Senat das „Hanseatenkreuz“, ein rotes Kreuz mit dem Bremer Schlüssel im Zentrum. Der Orden wird an Soldaten übergeben, „auch von Vertretern des Bremer Senats“, so Schwarzwälder. „Es war ein eigenartiges Bild, wenn die würdigen Herren aus Bremen mit Zylinder und langem schwarzen Mantel an die feldgrauen Soldaten mit Stahlhelm Hanseatenkreuze verteilten.“

 

Zwei Tage nachdem Wilhelm II abdankt, tritt das Bremer Regiment seinen Rückzug an. Am Neujahrstag 1919 treffen die Soldaten auf dem Marktplatz ein. 3800 Kameraden, darunter viele Nachrücker, lassen sie in Frankreich zurück.

Nummer IV steht noch

Die Kaserne des Infanterie Regimentes Bremen in der Neustadt ist das älteste erhaltene militärische Gebäude der Stadt

VON MAX POLONYI

Bremen. In der Neustadt, zwischen Shakespeare-Company, Bolzplatz und Park, steht ein Relikt aus einer vergangenen Zeit. Einen „roten Klotz“ schimpfen manche die alte Kaserne IV, die mit ihrer Symmetrie und ihren Ecken und Kanten nicht so recht in die geschwungenen Linien der Grünanlage passen will.  Der Park, in dem heute die Bremer warme Sommertage verbringen, war bis in die 1950er-Jahre noch militärisches Sperrgebiet. Eine ganze Kasernengruppe stand damals in den Wallanlagen im Bremer Süden, durchnummeriert mit römischen Ziffern von I bis V. Von den Truppenunterkünften hat nur die Kaserne IV die Weltkriege weitgehend unbeschadet überstanden. Sie ist das älteste erhaltene Gebäude in Bremen, das für militärische Zwecke errichtet wurde.

Die Kaserne

„Wo heute die Grünanlage ist, war früher noch ein Exerzierplatz für die Übungen der Soldaten“, sagt Georg Skalecki, Leiter des Bremer Landesamtes für Denkmalpflege. „Die Kaserne IV war eine Mannschaftsunterkunft für die einfachen Dienstgrade des Infanterieregimentes Bremen.“ Rund 3000 Mann wurden hierher, auf das Gelände zwischen der heutigen Friedrich-Ebert-Straße und der Langemarckstraße, am zweiten August 1914 einberufen. Hier munitionierte sich das Infanterie-Regiment 75, genannt Bremer Regiment, auf. Von hier aus zog es an die Westfront in den Krieg.

Im Jahr 1890 wurde die Kaserne IV aus rotem Backstein gebaut. „Spät-Klassizismus, schlossartig – typisch für die damalige Zeit“, weiß Skalecki. Die Rundbogenfenster, die klaren Linien, Ecken und Kanten und die Symmetrie erinnern den Denkmalpfleger an die militärisch geprägte Gesellschaft, die in Bremen wie in ganz Deutschland zur damaligen Zeit den Ton angab. „Es ist wichtig, dass solche Gebäude erhalten bleiben“, findet Skalecki. „Sie sind Erinnerungen und Denkmäler an eine Zeit, die wir nicht vergessen dürfen.“

Auch in der Zeit des Nationalsozialismus diente die Anlage in der Neustadt als Truppenunterkunft. Bei Bombardements der alliierten Streitkräfte im zweiten Weltkrieg wurde ein Großteil der Gebäude zerstört. Nur Nummer IV blieb weitgehend unversehrt und konnte wieder aufgebaut werden. Ab dem Jahr 1946 diente der Backsteinbau dann der Bremer Polizei als Revier. Noch heute können die Neustädter Vergehen zur Anzeige bringen, allerdings nur noch an drei Tagen in der Woche und dann auch nur für wenige Stunden. Ein kleiner Raum des Gebäudes dient den Beamten noch als Kontaktbüro, das Polizeirevier Süd ist längst an den Flughafen gezogen. Die Kaserne IV, die seit 2010 unter Denkmalschutz steht, ist 100 Jahre nach dem großen Krieg entmilitarisiert und wird zivil genutzt. Schüler der Oberschule am Leibnizplatz lernen hier für ihr Abitur.

Kapitel 3

„Mal‘n Se mir bloß keene Leichen!“

VON SWANTJE FRIEDRICH

 

Heinrich Vogeler meldete sich freiwillig zum Kriegsdienst und entwickelte sich an der Front zum Pazifisten mit kommunistischen Idealen. Sein politisches Engagement bezahlte der Maler damals fast mit dem Leben

Worpswede. Zarte Farben, unberührte Natur und Frauen, die in wallenden Kleidern verträumt in die Ferne schauen. „Sehnsucht“ heißt eines der berühmten Jugendstilgemälde, für die Heinrich Vogeler weltweit bekannt ist. Es entstand um 1900, zu einer Zeit, in der der Maler eigentlich alles hat, was das Künstlerherz begehrt: Reiche Auftraggeber, Anerkennung und eine Familie, mit der er in einem schmucken Häuschen – dem berühmten Barkenhoff in Worpswede – lebt.

 

Aber wirklich glücklich war der Maler und einer der Urväter der berühmtesten Künstlerkolonie Deutschlands nie. „Vogeler war ein sehr leidensfähiger Mensch“, sagt Katharina Groth, die als Kuratorin die aktuelle Jubiläumsausstellung „Mythos und Moderne – 125 Jahre Künstlerkolonie Worpswede“ betreut. Während seine konservativ geprägten Künstlerkollegen in gesitteten familiären Verhältnissen leben,

teilt Vogeler sein Haus Anfang des 20. Jahrhunderts nicht nur mit seinen drei Kindern und Ehefrau Martha, sondern auch mit deren Liebhaber, den er mitfinanziert.

Als der Erste Weltkrieg ausbricht, reiht sich der Maler in die lange Schlange der Kriegsbegeisterten ein. Wie zwei Millionen deutsche Männer meldet er sich freiwillig zum Dienst an der Front. „Er wollte einfach nur raus“, sagt Björn Herrmann, der ebenfalls als Kurator in Worpswede tätig ist. „Eigentlich war Vogeler kein politischer Mensch“, ist Katharina Groth überzeugt.

 

Politische oder patriotische Bekundungen finden sich in seinen Briefen und schriftlich festgehaltenen Erinnerungen aus dieser Zeit nicht. Über das Training während seiner verkürzten Rekrutenausbildung schwärmt der Künstler: „O größte gedankenlose Seligkeit, wenn sich die Glieder lösten … das Ausschalten jeder Rückerinnerung und jeder Spekulation in das Zukünftige – das wog alles andere auf, das war in dieser Zeit die Befreiung.“ Die Lust an der Verausgabung und am Abenteuer teilte Vogeler, wie zahlreiche Soldaten-Briefe aus dieser Zeit bezeugen, mit anderen Kriegsfreiwilligen. Auch der „touristische Aspekt“ spielte an der Front eine Rolle, wie die Autorin Antje Gerlach in einem Aufsatz über den Künstler schreibt.

Der Barkenhoff in Worpswede war Heinrich Vogelers Wohn- und

Arbeitsstätte. Das Foto entstand um 1900.   |   © Barkenhoff-Stiftung

Der Barkenhoff heute   |   © Christoph Kellner

Nach seiner Ausbildung wird der Maler bis 1916 als zeichnender Kriegsberichterstatter in den Karpaten eingesetzt. Der einstige Jugendstilvertreter wendet sich der realistischen Darstellung zu. „Sein Job war es, idyllische Postkartenmotive von den Kriegsgebieten zu zeichnen – Propaganda eben“, sagt Björn Herrmann. Im Schützengraben zu liegen und um sein Leben zu bangen, braucht der bekannte Künstler nicht. Er genießt das Vertrauen führender Militärs, das ihm Einblicke verschafft, die den einfachen Soldaten verborgen bleiben.

 

Privilegien, für die man vom Unteroffizier Vogeler entsprechende Leistungen verlangt. „Mal‘n Se mir bloß keene Leichen!“, soll ihm ein Major mit auf den Weg gegeben haben. Die Warnung kam an. „Zwischen den Gräben sah es schlimm aus. Da lagen die unbegrabenen, halbverwesten Toten, einige hingen in den Stacheldrähten“, schreibt Vogeler in seinen Erinnerungen. In seinen Zeichnungen sieht man allenthalben ein scheinbar sanft entschlafenes Pferd am Wegesrand liegen. Glorifizierende Schlachtengemälde sollen den Rückhalt der deutschen Bevölkerung sichern.

 

Im Gedächtnis des Künstlers haben die Bilder des Krieges offenbar tiefe Spuren hinterlassen. Wie der Kunsthistoriker Bernd Küster in einem Buch belegt, beginnt der einst kaisertreue und kriegsbegeisterte Maler zunehmend am Handeln der deutschen Politiker zu zweifeln.

 

„Ich machte mir viele Gedanken über die Sinnlosigkeit des Krieges, über die immer deutlicher zum Ausdruck kommende Profitsucht und die Beraubung anderer Völker“, beschreibt er rückblickend seine Lage im Jahr 1917. Und fragt: „Kann es keine Vereinigung aller tätigen Menschen geben, in der die Profitsucht, Übervorteilung und Ausbeutung des einen durch den anderen ausgeschlossen ist?“

 

Werke von Heinrich Vogeler

 

 

 

 

 

Es ist eine rhetorische Frage, die Vogeler zu diesem Zeitpunkt bereits für sich beantwortet hat. Schon vor Ausbruch der Revolution in Russland hatte er seine Sympathie für die kommunistischen Ideale entdeckt. Im Sommer 1916, so schreibt Bernd Küster, sprach der Maler „von der kommenden Revolution um die vertiefte Neubildung einer alten, im letzten Sinne christlichen Ethik“. Bei seinem Einsatz an der Ostfront hat er Zugriff auf ungefilterte russische Nachrichten und zeigt sich beeindruckt von der „bolschewistischen Propaganda“.

 

„Der Kommunismus erschien Vogeler als Allheilmittel“, sagt Björn Herrmann. Die Bolschewisten, die sich in den Ende 1917 zwischen den Mittelmächten und Russland eröffneten Friedensverhandlungen von Brest-Litowsk bereit zeigten, sofort Frieden zu schließen, erhoben sich in Vogelers Augen weit über die deutschen Politiker, die bereit waren, das eigene Volk in den Abgrund zu führen.

 

In dieser Zeit nimmt der Künstler einen letzten Propagandaauftrag – er soll ein Plakat für die deutsche Kriegsanleihe gestalten – nur widerwillig an, und das Resultat stößt nicht auf Begeisterung bei seinem Vorgesetzten. Für Vogeler ist es die Möglichkeit, dem Dienst an der Front zu entkommen. Er bittet den Major um einen Heimaturlaub, „um in Worpswede eine einwandfreie Arbeit leisten zu können“.


Dort angekommen, denkt er nicht daran, den Auftrag zu vollenden. „Als einer, der nichts mehr zu verlieren hatte“, wie Bernd Küster schreibt, verfasst Vogeler in einer Januarnacht im Jahre 1918 einen leidenschaftlichen Friedensappell mit dem Titel „Das Märchen vom lieben Gott“. Der Adressat ist niemand Geringerer als Kaiser Wilhelm II. In seinem Protest gegen die territorialen Verhandlungen in Brest-Litowsk rät der Maler dem Kaiser: „Sei Friedensfürst, setze Demut an die Stelle der Siegereitelkeit, Wahrheit anstatt Lüge, Aufbau anstatt Zerstörung. In die Knie vor der Liebe Gottes, Kaiser!“

 

Der Worpsweder Bahnhof wurde 1910 nach einem Entwurf von Heinrich Vogeler gebaut.
  |  © Christoph Kellner

Wenige Tage nachdem er den Brief abgeschickt hat, wird er verhaftet und in die Abteilung für Geisteskranke des St.-Jürgen-Krankenhauses in Bremen eingewiesen. Ein glimpflicher Ausgang – wäre er nicht eine bekannte Persönlichkeit gewesen, hätte dem Maler wohl die Todesstrafe gedroht. Vogeler kann seinem Aufenthalt immerhin etwas Positives abgewinnen: Es sei ein befreiendes Gefühl, „daß man nun immer endlich sagen kann, was man denkt, wenngleich die Auswirkung, selbst bei vernünftigen Gedankengängen, bei den Ärzten nur ein duldsames Lächeln ist“, schreibt er, und wendet sich verstärkt seiner Malerei zu – expressionistischen Untergangs- und Neugeburtsvisionen.

 

Die Ärzte attestieren ihm eine manisch-depressive Verstimmung und erklären ihn für kriegsuntauglich. Im April 1918 darf Vogeler in den Barkenhoff nach Worpswede zurückkehren, den er in den kommenden Monaten in eine Zufluchtsstätte für Kriegsgefangene und politisch Verfolgte verwandeln wird.

 

Unterdessen waren die Friedensverhandlungen von Brest-Litowsk so verlaufen, wie es der Künstler befürchtet hatte: Der Krieg wurde von russischer Seite aus für beendet erklärt, am 3. März der Vertrag unterzeichnet, der später auch als „Raubfrieden“ bezeichnet wurde. Angesichts der deutschen militärischen Drohung und um den Erfolg der Oktober-Revolution nicht zu gefährden, musste die bolschewistische Regierung Polen, Litauen und Kurland abtreten, Estland und Livland räumen und die Unabhängigkeit der Ukraine anerkennen. Der Kaiser hat Vogeler nicht erhört.

 

 

Die Ausstellung „Mythos und Moderne“ ist in den Worpsweder Museen noch bis zum 14. September zu sehen.

Soldatenlieder gegen den Krieg
VON JULIA FRESE

 

Die Bremer Band „Grenzgänger“ zeigt mit einem ungewöhnlichen Projekt, wie aktuell die Musik von vor 100 Jahren noch heute ist

 

Bremen. Die Altmannshöhe hinter der Kunsthalle, Denkmal für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs, ist ein umstrittener Ort. Politisch linken Gruppierungen ist sie ein Dorn im Auge, eine Stätte, an der einem fragwürdigen Heldenideal gehuldigt wird. Tatsächlich trafen sich hier schon häufiger rechtsextreme Gruppen, um ihre Weltanschauung mit rückwärts gewandten Zeremonien zu feiern. Für Michael Zachcial, Sänger der Bremer Band „Grenzgänger“, ist die Altmannshöhe einfach eine Stätte der Erinnerung. „Orte wie dieser sind wichtig“, sagt er. „Genauso wie andere Zeugnisse aus der Zeit des Ersten Weltkriegs.“ Denn wer sich seiner Vergangenheit nicht bewusst ist, läuft Gefahr, sie zu wiederholen, glaubt der 50-Jährige.

 

Michael Zachcial, Sänger der Band Grenzgänger, findet Orte wie die Altmannshöhe wichtig, um an den Ersten Weltkrieg zu erinnen.  |  © Christoph Kellner

Der Sänger selbst sammelt musikalische Erinnerungen an den Ersten Weltkrieg. Zachcial hat gemeinsam mit seinen Bandkollegen und weiteren Helfern das Projekt „Maikäfer flieg“ gestartet. Unter dem Titel des bekannten deutschen Volkslieds hat die Band ein Bühnenprogramm erarbeitet, mit dem sie derzeit durch Deutschland tourt. Das Repertoire besteht aus Liedern, die die Menschen vor 100 Jahren dichteten und sangen: Soldatenlieder, Kinderlieder, Lieder mit Texten, die die politischen Verhältnisse lobten oder kritisierten.

 

Das Material haben Zachcial und seine Band aus dem Deutschen Volksliedarchiv in Freiburg. Viele Male sind sie in das Forschungsinstitut gefahren und haben dort alte Liederbücher, Notenblätter und Handschriften durchforstet. Bei manchen war der Dichter bekannt, anderen lässt sich inzwischen kein Urheber mehr zuordnen. Einige Texte waren wegen ihres Alters auf den ersten Blick kaum entzifferbar. „Wir haben alles, was uns interessant erschien, abfotografiert und dann nach und nach transkribiert“, sagt Zachcial. Texte und Melodien sind dabei geblieben wie sie waren.

 

Einer der Texte, die die Bandkollegen im Volksliederarchiv entdeckt haben, lautet: „Laß mich gehn Mutter, laß mich gehn, all das Weinen kann uns nichts mehr nützen.“ Michael Zachcial findet in den Worten das widergespiegelt, was für ihn eine der Statuen neben der Altmannshöhe verkörpert. „Die Mutter“ vom Bremer Bildhauer Ernst Gorsemann stellt eine Frau dar, die ein Kleinkind im Arm hält, während ihr älterer Sohn vor ihr stehend die Faust in die Luft reckt. Es ist ein Denkmal, das an Zeiten erinnert, in denen kleine Jungen zu Kriegern erzogen wurden. Das Lied mit dem Titel „Soldatenabschied“, an das die Statue Zachcial erinnert, stammt von Heinrich Lersch. Der Dichter und Kesselschmied zog als 25-Jähriger in den Krieg, offenbar mit demselben Enthusiasmus wie viele seiner Altersgenossen in jener Zeit. Die Textzeile „Deutschland muss leben, und wenn wir sterben müssen!“ entwickelte sich nach 1918 zu einer Kampfparole, die auch die Nationalsozialisten später dankbar aufgriffen.

„Wildgänse rauschen durch die Nacht“ – Grenzgänger

Zachcial und die „Grenzgänger“ distanzieren sich bei ihren Auftritten klar von rechtsextremen Deutungen der Liedtexte. Zwischen den einzelnen Stücken gibt Zachcial, der einige Semester Politik, Soziologie und Germanistik studiert hat, ausführliche Erklärungen dazu, wie die Texte entstanden sind, wie sie rezipiert wurden und wer sie warum sang. Außerdem besteht das Programm bei Weitem nicht nur aus Liedern der Kriegsbegeisterung. „Mein Michel, was willst du noch mehr“ etwa ist ein Lied von 1918, dessen unbekannter Verfasser eine klare Antikriegshaltung einnimmt: „Du darfst exerzieren, marschieren, am Kasernenhof, kreuz und quer, und dann für den Kaiser krepieren. Mein Michel, was willst du noch mehr?“lautet eine der sarkastischen Textzeilen.

Die „Grenzgänger“ wollen mit dem Bühnenprogramm keine bestimmte politische Botschaft an ihr Publikum weitergeben. Es geht vielmehr darum, zu verstehen, wie die Menschen vor 100 Jahren gedacht haben. „Wir, die Band, und das Publikum durchleben während eines Auftritts gleichermaßen die Geschichte jedes einzelnen Liedes“, sagt Zachcial. „Am Ende steht idealerweise eine Art Katharsis, wie sie die Zuschauer nach einer griechischen Tragödie erleben.“

Bei manchen Zuschauern wecken die Texte aber auch persönliche Erinnerungen. Wie bei der 86-jährigen Bremerin Inge Breidbach. Den Ersten Weltkrieg hat sie nicht mehr miterlebt. Als sie elf Jahre alt war, begann der Zweite Weltkrieg. Das Gefühl der Bedrohung und Entbehrung, das in vielen der Liedtexte Thema ist, kennt Inge Breidbach darum nur zu gut. „Wir hatten das Glück, dass bei uns nicht viel zerstört wurde“, erinnert sich die 86-Jährige. „Aber ich erinnere mich, dass wir oft wenig zu essen hatten.“ Viele Lieder aus dem Ersten Weltkrieg handeln ebenfalls von Hunger und Armut der daheimgebliebenen Frauen und Kinder.

Sehr gern würde Zachcial mit seiner Band einmal in der Altmannshöhe auftreten, sagt er beim Betrachten der roten Backsteinmauern mit den eingravierten Namen. Überhaupt wäre das Rondell ein guter Ort für Konzerte. „Wir sollten hier nicht nur um die Toten trauern“, sagt er. „Es wäre auch ein optimaler Platz, an dem sich die Lebenden begegnen können.“

 

 

 

 

 

 

Kapitel 4

Boote fürs Militär statt für den Bürgerpark

Die Lürssen-Werft begann im Jahr 1907 mit dem Bau von Militärbooten – heute beliefert sie die halbe Welt

Lange baute die 1875 gegründete Lürssen-Werft nur zivile Boote, etwa Ruderboote für den Bürgerpark.  Dann kam der Krieg, und das Unternehmen arbeitete fortan fast ausschließlich für die Kaiserliche Marine. Davon profitiert es bis heute.

VON MATTHIAS SANDER


Bremen. „Keine andere Werft hat für den internationalen Markt so viele Schiffe entwickelt, gebaut und in so viele Länder ausgeliefert“: So wirbt Lürssen auf seiner Internetseite für den Geschäftsbereich Rüstung. Gerade baut das Unternehmen angeblich 146 Boote für die Küstenwache Saudi-Arabiens. Den Auftrag unterstützt die Bundesregierung laut der „Bild am Sonntag“ mit einer Exportversicherung in Höhe von 1,5 Milliarden Euro. Für derlei Aufträge legte Lürssen im Ersten Weltkrieg den Grundstein.

 

Vor dem Krieg hatte das Familienunternehmen sich mit Rennbooten einen exzellenten Ruf erworben. Lürssen gewann 1911 die „Meisterschaft des Meeres“ in Monaco, eine Art inoffizielle Weltmeisterschaft. Auch im April 1914 fuhr Lürssen hoffnungsfroh nach Monaco, mit der 120 PS starken „Boncourt“. Doch die Technik versagte, und so wurde das Vorzeigeboot nur in einem Rennen zweiter, heißt es in der Firmenchronik. Es sollte Lürssens letzte Teilnahme in Monaco sein.

 

Fotos der Fr. Lürssen Werft

Die Werft hatte seit ihrer Gründung in Aumund im Jahr 1875 durch Friedrich Lürßen (der sich im Unterschied zum Firmennamen mit „ß“ schreibt) fast nur zivile Boote gebaut: Arbeitsboote, Ruderboote für den Bürgerpark, Motorboote für Passagierbetriebe oder die Küstenwache. 1906 stieg Lürßens Sohn Otto in den Betrieb ein. Der Schiffbauingenieur forcierte den Bau schneller Boote mit schnittigen Rümpfen. Sie hießen „Donnerwetter“, „Lürssen-Daimler“ oder eben „Boncourt“. Zusammen mit Siemens entwickelte Lürssen ab 1907 erstmals ein militärisches Boot, ein ferngesteuertes Kleinkampfboot.

 

Doch erst im Krieg zeigte die Kaiserliche Marine Interesse. Ab April 1915 kennt das „Baunummernverzeichnis“ der Lürssen-Werft quasi nur noch das deutsche Militär als Auftraggeber. Lürssen lieferte Torpedofangboote, die Übungstorpedos aus dem Meer fischten. Lürssen baute Motor-, Fernlenk- und Kabelwickelboote. 1916 lief mit der „Lürssen I“ erstmals ein U-Boot-Zerstörer vom Stapel. Es folgten weiter vereinzelte Zerstörer, U-Boot-Jäger, Minensucher und allerlei Motorboote. So viele, dass die Werft umziehen musste: „Der Weg zum Wasser war weit und der Platz wurde beengt“, notiert die Firmenchronik.

 

Insgesamt produzierte Lürssen im Ersten Weltkrieg rund 100 Boote direkt für die Kaiserliche Marine. Fernlenkboote wurden laut der Firmenchronik in die belgischen Häfen Ostende und Zeebrügge geliefert. 1917 seien sie erstmals eingesetzt worden, im belgischen Nieuwpoort. Dort habe ein Fernlenkboot ein 30 Meter langes Stück Mole weggesprengt, auf der britische Truppen eine Geschützbatterie stationiert hatten. Auch im Baltikum wurden Lürssen-Boote eingesetzt. Viele der Neuentwicklungen erwiesen sich in der Praxis jedoch als unausgereift. Und bei den großen Seeschlachten waren ganz andere Schiffe gefragt.

 

Am 25. Januar 1918 löste ein Kurzschluss einen Brand aus, die Werft wurde größtenteils vernichtet. Otto Lürßen verlagerte einen Großteil der Anlagen nach Vegesack, wo Lürssen bis heute seinen Sitz hat. Mit dem Kriegsende war‘s erstmal vorbei mit Kriegsschiffen, die Alliierten verordneten den Deutschen einen strikten Pazifismus. Lürssen baute wieder Passagierboote, Yachten und Barkassen. Für das Hofmarschallamt Oldenburg, die Bisquitfabrik Kleve, den serbischen Staat.

 

Ab 1930 ging dann auch militärisch wieder was: Die Reichsmarine bekam ein Schnellboot und im Jahr darauf ein Minenräumboot. Mit Beginn des Hitler-Regimes konnte sich Lürssen vor staatlichen Aufträgen offenbar kaum retten. Die Schnellboote waren sehr gefragt, und sie wurden  im Zweiten Weltkrieg noch gefragter: Lürssen baute nichts anderes mehr, mit Ausnahme von ein paar Rettungsbooten.

 

Wieder war ein Krieg zu Ende, wieder waren Kriegsschiffe erstmal passé. Aber wieder nicht lange.  1950 lieferte Lürssen der US-Armee zwei Pionierboote, weitere amerikanische Aufträge folgen. Auch die Marinen Schwedens und Frankreichs bestellten nun. Und schließlich bekamt die neue Bundesmarine Schnellboote en masse.

 

Die Qualität der Boote sprach sich herum: Indonesien bestellte in Vegesack, die Türkei, Ecuador, Singapur und Ghana. Auch arabische Abnehmer waren damals schon dabei, Saudi-Arabien etwa seit 1968, später die Vereinigten Arabischen Emirate und Bahrain. In den 1970er und 1980er Jahren verlegte Lürssen sich fast vollends auf militärische Boote. Ab 1988 belieferte die Werft die deutsche Armee auch mit Minensuchern und -jägern.

 

Seit Ende des Kalten Krieges baut Lürssen vermehrt Yachten, die heute angeblich etwa die Hälfte des Geschäfts ausmachen sollen – die Vegesacker geben nur sehr wenig über sich preis. Vergangenes Jahr baute Lürssen die längste Yacht der Welt – die „Azzam“ ist 180 Meter lang, ein Ölscheich soll umgerechnet mehr als 400 Millionen Euro für sie gezahlt haben. Lürssens Reputation ist so groß, dass das amerikanische Magazin „Vanity Fair“ einmal die  Landkarte „Die Welt aus Sicht eines Moguls“ druckte, auf der genau ein Ort in Deutschland eingezeichnet war: Luerssen shipyards, Bremen-Vegesack.






Ein Schiff im Glück

 

Der Dampfer „Welle“ wird 1915 trotz Mangel an Personal gebaut – und überdauert gerade so bis in die Gegenwart

 

VON KLAAS MUCKE



Bremerhaven. Jung geblieben liegt sie da, im Fischereihafen in Bremerhaven. 99 Jahre sind seit dem Stapellauf der „Welle“ bei den Atlas-Werken in Bremen vergangen – und wüsste man es nicht, so deutete kaum etwas darauf hin, dass der kleine Dampfer im vergangenen Jahrhundert ein Auf und Ab durchlebte, als habe er seinem Namen gerecht werden wollen.

Die Welle aus Bremen um das Jahr 1915. |  © WELLE-ARCHIV

Am Bremerhavener Kai liegt das Ergebnis jahrelanger Restaurationsarbeit der Mitglieder des Vereins „Dampfer Welle“, die das Schiff in den Zustand aus dem Jahr 1915 zurückversetzt haben. Die Stadt Bremen ordert im Frühjahr 1914 einen Bereisungs- und Schleppdampfer für die Arbeiten an der Vertiefung der Weser. Tauglich für den Seegang an der Außenweser soll der sein, zudem den Oberbeamten der Weserkorrektion, die die Arbeiten am Fluss beaufsichtigen, angemessenen Platz bieten – und zwei Maschinen haben, mit denen er sich auf modernste Weise in kleinstem Radius um die eigene Achse drehen kann.

 

Doch plötzlich ist Krieg. Die Arbeiter der Atlas-Werke ziehen nach und nach als Soldaten und Kriegsfreiwillige an die Front, Kupfer, Zinn und Zink für den Bau der Dampkessel werden knapp. Und überhaupt: Aufträge der Kaiserlichen Marine sind von den Atlas-Werken mit Vorrang zu behandeln. Die Arbeiten verzögern sich. Dass der Verein „Dampfer Welle“ heute ein Objekt zur Restaurierung sein eigen nennen kann, liegt auch daran, dass es eine Win-Win-Situation für Stadt und Werft ist. Die Stadt ist der Werft ein sicherer Geldgeber, und das Bauamt für die Weserkorrektion möchte nicht auf das Schiff verzichten. So wird die „Welle“ als kriegswichtig eingestuft. Doch das ist sie vor allem auf dem Papier. Der Verkehr von Kriegsschiffen auf der Weser bleibt flau.

 

Mit einem halben Jahr Verspätung wird geliefert, die „Welle“ nimmt ihren Dienst auf, schippert die Oberbeamten zum Ausloten der Weservertiefung die Weser hinauf und hinab, und bringt jeden Freitag den Arbeitern an der Weser ihre Lohntüten. Das 38 Meter lange „Goldschiff“, wie es die Arbeiter deshalb nennen, wird auch als Schlepper eingesetzt. Ab 1917 dient es im harten Winter aufgrund seiner schlanken Gestalt sogar als Eisbrecher. So ist die „Welle“ letztlich keine kriegswichtige Anschaffung, mit ihren vielfältigen Einsatzmöglichkeiten aber zumindest eine sinnvolle.

Der Dampfer „Welle”

 

 

 

 

Am 25. August 1916 hat die kleine „Welle“ schließlich doch einen großen – und zumindest im Dienste der Propaganda auch kriegswichtigen – Tag. Sie eskortiert das Handels-U-Boot „Deutschland“die Weser hinauf. Die „Deutschland“ hatte mit einer Tauchfahrt die Seeblockade der Briten gebrochen – nach zwei Jahren Krieg ein Lichtblick für die Bevölkerung, die vom Ufer aus dem Triumphzug trotz strömenden Regens zujubelt.

 

1975 ist Schluss mit der Arbeit bei der Stadt. Doch das Schiff überdauert: Einen Umbau zum Restaurantschiff und einen Untergang später ist die „Welle“ heute ein stiller Zeitzeuge des Ersten Weltkriegs.





18 untaugliche Tonnen Stahl

 

Als die Briten im Jahr 1916 erstmals Panzer ins Feld führen, beginnt ein Bremer Unternehmen mit der Entwicklung einer Geheimwaffe, die wenig furchteinflößend war

 

VON MAX POLONYI

 

Bremen. Beunruhigende Nachrichten erreichten am 15. September 1916 die Oberste Heeresleitung im Großen Hauptquartier im schlesischen Pleß. Der Truppe waren in Nordfrankreich „zwei geheimnisvolle Ungeheuer“ begegnet, die sich „langsam humpelnd, schwankend und schaukelnd“ ihren Weg durch die deutschen Stellungen bahnten, wie ein Berichterstatter meldete. Die „Ungeheuer“ waren britische „Mark I“-Modelle – die ersten Panzer in der Geschichte. Auf dem offenen Feld gab es gegen die mit sechs Maschinengewehren bewaffneten Wagen keine Gegenwehr. Der Kaiser soll getobt haben. Falls nicht sofort auch das deutsche Heer solche Ungetüme bekäme, sei Frankreich verloren, wird er zitiert, und der Krieg sowieso.

 

Nach der ersten Testfahrt wurde die Bremer Geheimwaffe wieder verschrottet.   |   © FR

Noch im September 1916 wurden deshalb deutsche Unternehmen mit der Entwicklung eines eigenen Panzers beauftragt. Darunter auch die Bremer Hansa-Lloyd-Werke, die an der Hastedter Föhrenstraße bisher nur zivile Lastfahrzeuge und erste Automobile produziert hatten. „Hansa-Lloyd war aufgerufen, ein Konzept zu entwickeln und zehn Prototypen anzufertigen.“sagt Ralf Raths, Direktor des Deutschen Panzermuseums Munster. Das taten die Bremer und produzierten dabei eines der skurrilsten Fahrzeuge der Kriegsgeschichte: den Treffas-Wagen.

 

Zwei riesige Antriebsräder mit je drei Metern im Durchmesser, dazwischen eine gepanzerte Kabine für die Mannschaft und am Heck ein kleines Steuerrad – diese Geheimwaffe rollte am ersten Februar 1917 aus der Werkhalle an der Föhrenstraße. „Das Ding sah aus wie ein Traktor“, findet Raths, „es fuhr aber anders herum, mit den großen Rädern vorweg.“

 

18 Tonnen wog der Treffas-Wagen. Mit seiner Höchstgeschwindigkeit von zehn Kilometern pro Stunde sollte er die feindlichen Linien durchbrechen. Im Inneren hatten vier Soldaten Platz – ein Fahrer, ein Kommandeur, ein Schütze und ein Mann zum Nachladen. Das Modell war bewaffnet mit zwei „Panzerbüchsen“, die in der Lage waren, den britischen „Mark I“ auf 100 Meter Entfernung kritisch zu treffen. Der Rückstoß der Waffen war aber so massiv, dass ihr Schütze schon nach wenigen Schüssen nicht mehr weiterschießen konnte, weil er unter Kopf- und Gliederschmerzen litt. Doch das war nicht das einzige Problem.

 

„Der Wagen neigte zum Umkippen“, weiß Raths. „Der Schwerpunkt war weit vorne, da reichte schon ein kleiner Graben und er lag auf dem Kopf.“ Nicht die besten Voraussetzungen für schwieriges Gelände zwischen den Schützengräben der Westfront. Ein erster Test im Sommer 1917 auf einem Übungsgelände zeigte das gesamte Ausmaß der Fehlplanung: „Der Wagen grub sich ein, blieb stecken und kippte um“, sagt Raths. Und das völlig ohne Beschuss. „Die Idee des Treffas war trotzdem nicht schlecht“, sagt er. „Damals waren Panzer noch keine aktiven Kampfmittel. Sie sollten den Soldaten Deckung geben und sie sicher bis zum gegnerischen Graben bringen.“ Trotzdem – „Untauglich für den Kampfeinsatz“, urteilte die OHL.

 

Den Zuschlag erhielt stattdessen die Daimler-Motoren-Gesellschaft. Das Stuttgarter Unternehmen hatte mit seinem A7V ein geländetaugliches Kettenfahrzeug konstruiert, das Platz für 16 Soldaten bot und schwer bewaffnet am Kampfgeschehen teilnehmen konnte. Der Bremer Treffas-Wagen wurde noch im Jahr 1917 verschrottet, um den Stahl wieder zu verwenden. Der Fronteinsatz blieb ihm verwehrt und die Bremer Ingenieure widmeten sich wieder den Fahrzeugen, von denen sie etwas verstanden: Zivile Automobile, ganz ohne Kanonen.

Kapitel 5

Meisterfeier im Schützengraben

Trotz vieler gefallener Spieler wird der FV Werder 1916 Bremer Stadtmeister – an der Front gibt es Schnaps

VON KLAAS MUCKE

 

|  © Vereinsnachrichten/Werder Bremen

Bremen. Es beginnt mit schlechten Nachrichten. Wie jedes Mal. Keine Ausgabe der Vereinsnachrichten des Fußballverein Werder (FVW) kommt ohne Todesanzeigen aus, die oft seitenlang den Verlust der Vereinskameraden beklagen. Doch in diesem Mai 1916 folgt den schlechten Nachrichten seit langem wieder eine frohe Kunde: Vor drei Monaten ist der FVW Bremer Meister geworden – zum ersten Mal seit fünf Jahren. Die Dauerkonkurrenten vom Bremer Sport-Club werden in der Spielzeit mit 6:1 und im entscheidenden Spiel mit 4:2 besiegt.

 

 

Nur vier Mannschaften nahmen an der Stadtmeisterschaft teil – der Krieg war auch in der Tabelle zu spüren.

|   © Vereinsnachrichten/Werder Bremen

„Nun weht das grün-weiße Banner wieder über den Mauern Bremens“, schreibt der Schriftführer des Vereins, Hans Jaburg – als könne man schon aus weiter Ferne sehen, wer auf den Fußballplätzen der Stadt die Vorherrschaft wiedererrungen hat. Es ist ein Signal, das Jaburg an die Kriegsschauplätze sendet: Hier in der Heimat ist alles wieder im Lot. Hans Jaburg weiß, dass seine Vereinskameraden in Russland, am Balkan und in Frankreich in den Schützengräben stehen – „bis zu den Enkeln im Dreck“, wie sie ihm von dort schreiben, und weit entfernt vom saftigen Rasen des heimischen Sportplatzes auf dem Stadtwerder. Die „Grüne“, wie die Werderaner ihre Zeitung nennen, wird den kämpfenden Mitgliedern per Feldpost direkt an die Fronten zugestellt.

 

„Das Herz ging mir auf als ich las, wie schön unsere Kerlchen gespielt haben“, schreibt der Werderaner Otto Sehlbrede über die Meisterschaft.

 

 

 

Und sein Vereinskamerad Fritz Schlotte: „Nur weiter so – wir draußen freuen uns doppelt über solche Siege; denn unser Interesse für den F.V.W. ist nicht geschwunden! Glaubt nur das nicht! Im Gegenteil!“ Von der Front flattern vor Freude strotzende Feldpostkarten in Bremen ein. Die letzten Seiten der Vereinsnachrichten sind voll von Nachrichten wie diesen – akkurat nach Eingangsdatum sortiert und klein gedruckt füllen sie selten weniger als sieben Seiten.

Die Werderaner grüßen sich, berichten von den Kriegserlebnissen, von zufälligen Treffen mit Fußballern befreundeter Klubs wie Arminia Hannover oder Altona 93 an den Kriegsschauplätzen und von Fußballspielen zwischen den Kompanien, die hinter der Frontlinie in Reserve liegen. Immer wieder erinnern sie sich gegenseitig an die friedlichen Zeiten. Und sie fiebern mit – mit den Spielern der jüngeren Jahrgänge, die noch nicht eingezogen worden sind und während des Krieges für Werder auflaufen. Fußball ist für die Soldaten zwar längst zur Nebensache geworden, aber er zerstreut den jungen Spielern die Gedanken an ihre leidvolle Realität. In Bremen ist man sich darüber im Klaren – und tippt unermüdlich Karte um Karte für die „Grüne“ ab.

Der FV Werder während des Ersten Weltkriegs

Im Frühjahr kommen mit der Post zu jedem Werderaner im Feld je eine Flasche Rum und eine Flasche Kognak – gespendet von einem Vereinsmitglied, um die Meisterschaft allerorten, auch an der Front, gebührend feiern lassen zu können. Das hebt die Stimmung. Von den Minuten nach Erhalt des Pakets könne er nichts mehr berichten, schreibt ein Spieler. Ein weiterer, so gibt Hans Jaburg dessen Worte heiter wieder, habe die Sendung noch in letzter Stunde vor seiner Abreise aus Berlin erhalten und selbstverständlich keinen Tropfen zurückgelassen. Aufgrund der Kriegswirren gelangen einige Päckchen nur über lange Umwege an die Front – manche Flaschen bersten, einige erreichen gar nicht erst ihr Ziel. „Endlich, die ,Grüne’, aus denen ich immer etwas von Rum und Kognak lese. Wo!?“ In den Feldpost wird viel geflachst.

Doch die Vereinsnachrichten finden auch Platz für die ernsten Fragen. „Wenn ich die Zeitung so durchlese, bin ich jedes Mal wütend, nicht dabei sein zu können sondern mich hier im Dreck herumtreiben zu müssen. Ich bin jetzt im Begriff einen Vollbart zu bekommen, denn seit 3 Wochen haben wir uns weder rasieren noch waschen können“, schreibt Josef Lutter Anfang November 1916. Langsam kippt die Stimmung unter den Sportkameraden.

Die Vereinsnachrichten

Im September 1914 schreibt Hans Jaburg noch in überschwänglicher Siegesgewissheit in den Vereinsnachrichten, die deutschen Soldaten würden nicht eher ruhen, „bis der Tag graut, in dessen Morgenröte der Feinde letzter Widerstand in Schutt und Asche liegt“. Auch in den Feldpostkarten ist die anfängliche Kriegsbegeisterung spürbar. Dass einige Vereinskameraden nicht zurückkehren werden, ist den jungen Bremern bewusst. Von „Pflichterfüllung“ und „Treue bis in den Tod“ ist die Rede. Und Jaburg sagt stellvertretend, es bleibe immerhin ein Trost, „daß sie um unserer großen, gerechten Sache willen als Helden aus unserer Mitte geschieden sind“. Entsprechend nüchtern wird bekannt gegeben, dass mit Puddel Frese der erste Tote aus der Mannschaft, „in den großen Kämpfen in Frankreich den Heldentod fürs Vaterland gestorben ist“.

Als im November 1914 mit Heiny von Nuys einer der Leistungsträger der Mannschaft fällt, tauchen aber die ersten fassungslosen und kritischen Stimmen auf, die bis zum Ende des Krieges nicht mehr weichen werden. „Schaurig traurig“, schreibt der einst für Werder spielende Nico Geertsma aus Amsterdam, „Soviel Elend. Und wofür? Wie lange wird das noch dauern? Sicherlich bis nächsten Sommer.“Auch der Tonfall Hans Jaburgs wird leiser und bedächtiger. 1919 wird er der erste Geschäftsführer des Vereins sein – und vorausschauend schreibt er knapp fünf Jahre zuvor: „Was wir wünschen müssen, ist ein aufrichtiger, dauernder Friede, damit die Völker sich wieder verstehen, die Franzosen, Russen und Engländer in uns, wir in ihnen wieder den Menschen achten und schätzen lernen.“

 

Videointerview mit dem Fußballhistoriker und Werder-Experten Harald Klingebiel

211 der 301 Mitglieder, die der FV Werder im August 1914 hat, werden in den kommenden vier Jahren in den Krieg ziehen. Als Werder die Stadtmeisterschaft 1916 gewinnt, sind bereits 24 von ihnen tot. „Nicht in Selbstüberhebung und Verhimmlung wollen wir diese Meisterschaft laut feiern, sondern uns ihrer still und ehrlich freuen, dann werden wir nicht rauh emporgeschreckt, wenn auch unser Siegeszug eines Tages mal wieder unterbrochen werden sollte“, heißt es in den Vereinsnachrichten still. Und von der Ostfront schreibt Fritz Schlotte hoffnungsvoll: „Möge das Jahr, in dem unser F.V.W. zum ersten Mal wieder die Meisterschaft gewonnen hat, auch das Jahr des Friedens werden.“

Ein halbes Jahr nach dem Triumph über die Stadtrivalen sterben mit Didi von Nuys und Hans Renftel zwei Leistungsträger der Meistermannschaft. Bis zum Kriegsende 1918 wird Werder 62 tote Vereinskameraden zu beklagen haben. Andere Teams in Deutschland erholen sich von solchen Schwächungen nicht mehr – Werder findet den Weg zurück an die Spitze des Fußballs.

Steckrüben auf Fußballfeldern

VON SWANTJE FRIEDRICH UND KLAAS MUCKE

Bremen. Es mag der Moment gewesen sein, in dem der Volksmund begann, Fußballplätze als Acker zu bezeichnen: Es ist Februar im Jahr 1917, im Deutschen Reich herrscht ein harter Winter und seit zweieinhalb Jahren Krieg – die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln ist schlecht. „Im Interesse der Volksernährung in diesen schweren Zeiten hat der Staat verfügt, dass alle irgendwie freien Bodenflächen dem Anbau von Kartoffeln und Gemüse nutzbar gemacht werden sollen“, berichten die Vereinsnachrichten

des FV Werder. Auf den Plätzen, wo die Grün-Weißen kicken, sollen Steckrüben wachsen.

Oberhalb des Buntentorsteinwegs nahe des Kuhhirten lagen zwischen den Kleingartenparzellen die Fußballplätze des FV Werder.  |  ©  Werder Bremen

 Aber Werder hat Glück: Der Tribünenplatz auf dem Stadtwerder bleibt erhalten. Viele andere Sportvereine müssen alle Plätze hergeben. Bis sich die Versorgungslage nach dem Krieg entspannt, werden Fußballplätze wahrhaftige Äcker. Später wird der Jahreswechsel 1916/1917 als „Steckrübenwinter“ in die Geschichtsbücher eingehen.

Bei der Stadt ist man auf die schlechte Versorgungslage eingestellt, die auch die Stimmung in der Bevölkerung erheblich drückt. Die Lebensmittelkommission (LMK) – ein Ausschuss der Kriegsdeputation, die aus Mitgliedern von Senat und Bürgerschaft besteht – richtet eigens eine Beschwerdestelle ein, um den Frust der Leute zu kanalisieren. Im Winter 1916/1917 schnellt die Zahl der Beschwerden von 6200 im Vorjahr auf mehr als 12000 in die Höhe. Emil Schüffler zum Beispiel ist entsetzt. Ein Kartensystem rationiert mittlerweile die Lebensmittel. Schüfflers Tochter werden beim Tausch von 3000-Gramm-Brotmarken und 25-Gramm-Mehlmarken nur 2500-Gramm-Reisebrotmarken, die man auch außerhalb Bremens einlösen kann, zugestanden.

Am 8. Juni 1917 schreibt Schüffler erbost, er habe von amtlichen Bekanntmachungen dieser Art nichts mitbekommen und bittet darum, ihm zu seinem Recht zu verhelfen, da er nicht gesonnen sei, „mich um meinen ohnehin knappen Brotanteil auf diese Weise betrügen zu lassen“. Doch der Umtausch war korrekt, teilt die Brotmarkenzentrale der LMK mit und fügt an, es scheine notwendig zu sein, „dem Herrn Schüffler beizubringen, dass man in seiner Weise mit Behörden nicht verkehren kann“. Es wird um jedes Gramm Brot, Fleisch und Kartoffeln gefeilscht. Der Krieg ist nun auch an der Heimatfront in Bremen deutlich spürbar geworden.

Zu diesem Zeitpunkt hat der Staat bereits eine Reihe von Maßnahmen ergriffen, um die Lebensmittelversorgung sicherzustellen. Die Bremer lassen sie – wenn auch widerwillig – über sich ergehen. Ab  Sommer 1914 sind Preisgrenzen eingeführt worden, die Wucher verhindern sollen. Ab Januar 1915 müssen die Bauern ihre Nahrungsmittel ans Reichsmonopol abgeben.

 

Lebensmittelversorgung in Bremen

Ein Senator setzt sich jedoch für Bremen ein: Heinrich Bömers sorgt dafür, dass die Hansestadt mehr Kartoffeln zugesprochen bekommt als andere Städte. Bömers wird als „Kartoffelsenator“ bekannt. Doch den Steckrübenwinter vermag auch er nicht zu verhindern. Jeder Bürger muss  seinen Teil dazu beitragen, um die Situation zu verbessern. Die LMK trägt der Unterrichtsbehörde auf, Schüler während des Unterrichts Lebensmittel sammeln zu lassen – etwa Mehlbeeren, um Ersatzkaffee herstellen zu können, oder Kräuter für Arznei und Tees. Den Vereinen nimmt man die Plätze.

Der Staat reguliert jedoch nicht nur, sondern erweitert auch seine Fürsorge gegenüber der Bevölkerung. Etwa mit den sogenannten Volksspeisungen, die ab Juli 1916 an 17 Ausgabestellen stattfinden. „Eine Hebung der Stimmung infolge der gut gelungenen Volksspeisung“, verzeichnet die Zivilverwaltung daraufhin nicht ohne Stolz in einem ihrer monatlichen Berichte, mit denen sie das Generalkommando in Altona über die Versorgung in Bremen informiert.

Nicht nur die leeren Mägen sollen mit Kartoffeln, Rüben und Brot gestopft werden – Verwaltung und Militär haben längst erkannt, dass die Gemütslage der Bürger und deren Bereitschaft, den Krieg zu unterstützen, unmittelbar zusammenhängen. Bisher waren große Proteste gegen steigende Preise und Rationierungen ausgeblieben. Doch obwohl auf den Sportplätzen nun Gemüse wächst, gibt es weniger Lebensmittel – und die Bremer lassen sich zunehmend schwieriger beschwichtigen.

Besonders Frauen leiden unter den Mühen, Essen für die Familie zu bekommen. Sie erziehen die Kinder, machen den Haushalt und gehen arbeiten – die Männer sind im Krieg. Im April 1916 kommt es vor der Brotausgabestelle in der Elisabethstraße in Walle zu ersten Unruhen.  Bremerinnen reihen sich dort, wie überall in der Stadt, stundenlang in Warteschlangen ein.  Im Juni ziehen   etwa 150 Frauen lautstark protestierend zu den Geschäftsräumen der LMK: Bei einer Fleischerei gab es keine Knochen mehr für sie.  Die Kommission beschließt daraufhin eine Änderung des Lebensmittelausgabeverfahrens, der Senat im Gegenzug aber „Maßnahmen zur Verhinderung von Ansammlungen von Frauen“.Den spontanen Protesten folgen organisierte Demonstrationen – diesmal von der Arbeiterschaft. Am 31. März 1917 treffen 3000 streikende Werftarbeiter der A.G. Weser in der Bremerhavener Straße auf 50 Polizisten.

 

Die Männer fordern eine großzügigere Zuteilung von Lebensmitteln. „Es erfolgte nun ein Vorwärtsdrängen der Menschenmasse“, heißt es in dem Polizeibericht. „Die geschlossen haltenden Beamten sahen sich auf einmal von der Menge umdrängt und mussten, um nicht überrannt zu werden, den Säbel ziehen und auf sie einhauen.“ Der Kampf an der Heimatfront war härter geworden.

Wie hier in der Bredenstraße bildeten sich an den Ausgabestellen für Lebensmittel überall lange Warteschlangen – dabei kam es auch zu Unruhen.

|  ©  Germer/LIS Zentrum für Medien, Bremen

Kapitel 6

Mysterien auf dem Meeresgrund

VON KATHRIN ALDENHOFF

 

Hunderte Schiffswracks aus dem Ersten Weltkrieg schlummern in den Tiefen der Nordsee. Wissenschaftler aus Bremerhaven wollen herausfinden, wann und warum die Boote gesunken sind. Die Zeit drängt, denn den Wracks droht die Zerstörung.

 

 

|  © Christoph Kellner

Bremerhaven. Mike Belasus sitzt an seinem Schreibtisch im Deutschen Schifffahrtsmuseum Bremerhaven und schaut auf grüne Punkte. Sie sind eingezeichnet auf einer Spezialkarte der Nordsee, die das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie erstellt hat. Manchmal bilden die Punkte wilde Knäuel, andere liegen ganz alleine im Meer. Jede Markierung kennzeichnet ein Schifffahrtshindernis – meist sind es Wracks, manchmal Container oder auch abgestürzte Zeppelins. Etwa 1200 Boote sollen auf dem Grund der Nordsee liegen. Wann, warum und mit wie vielen Menschen an Bord sie gesunken sind, weiß niemand so genau.

 Für Mike Belasus sind diese Überreste wertvolle Kulturgüter. Deshalb beteiligt sich der Archäologe am Pilotprojekt „Bedrohtes Bodenarchiv Nordsee“. Zusammen mit Ursula Warnke, der Direktorin des Schifffahrtsmuseums, und dem Informatiker Björn Münschke will er die Zeitzeugnisse bewahren und auswerten. Die Resultate ihrer Forschung fließen in eine große Datenbank. Sie enthält detaillierte Karten mit der Position des Wracks und - falls bekannt - Informationen darüber, warum das Schiff gesunken ist und unter welchen Umständen. Unterstützt werden die Experten auch vom Alfred-Wegener-Institut und der Bremer Jacobs Universität.

2009 ist die UNESCO-Konvention zum Schutz des kulturellen Erbes unter Wasser in Kraft getreten. Alle Gegenstände, die seit mindestens 100 Jahren ungenutzt auf dem Meeresboden liegen, ausgenommen Kabel oder Rohrleitungen, zählen zum Kulturerbe. Damit zu handeln ist verboten. Die Wracks aus dem Ersten Weltkrieg könnten in vier Jahren diesen Status erhalten. Doch Deutschland hat die Konvention bisher nicht ratifiziert.

Sidescanaufnahme des Schiffswracks des Schleppers "Wotan", vermutlich westlich von Sylt auf dem Boden der Nordsee.

|  ©  Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie Hamburg / Rostock

 

Dabei ist im Koalitionsvertrag festgelegt, dass die Übereinkunft der UNESCO auch für die Bundesrepublik gelten soll. Bisher sind für den Denkmalschutz innerhalb der Zwölfmeilenzone des Meeres die angrenzenden Bundesländer zuständig. Unklar ist, wer für die Wracks weiter draußen verantwortlich ist.

 

In diesem Sommer plant Mike Belasus eine Expedition zu mehreren gesunkenen Schiffen aus dem Ersten Weltkrieg. Drei deutsche Kreuzer und ein Torpedoboot liegen vor Helgoland, sie wurden im ersten Seegefecht am 28. August 1914 von der britischen Marine versenkt. Ein Kreuzer, die Hela, die 1895 in der Bremer AG Weser vom Stapel lief, ist entkommen. Doch rund zwei Wochen später, auf der Fahrt nach Wilhelmshaven, wird sie von einem britischen U-Boot torpediert und sinkt. Diese Wracks würde Mike Belasus gerne genauer untersuchen.

Der 39-Jährige ist nicht nur Archäologe, sondern auch Taucher. „Ich tauche, um meinen Arbeitsplatz zu erreichen“, sagt er. Seine Ausrüstung steht griffbereit im Büro. Auf dem Meeresgrund würde er Videos und Fotos machen und so dokumentieren, wie gut das Wrack erhalten ist. Bei der geplanten Forschungsfahrt wird Mike Belasus zunächst an Deck bleiben. Die Wracks liegen teilweise in über 40 Metern Tiefe, und die Wissenschaftler müssen beim Tauchen strenge Sicherheitsrichtlinien einhalten. Sie müssen zum Beispiel mindestens zu dritt sein, um auf Tauchexpedition zu gehen. Aus Termingründen ist das oft schwierig. Dann muss auch noch das Wetter stimmen, Wind und Wellengang dürfen nicht zu stark sein. Manchmal fällt die Hälfte der Forschungstage in der Nordsee wegen des schlechten Wetters aus.

Fächerecholotaufnahme des Wracks des U-Boots UC71. Es Liegt vor Helgoland auf dem Boden der Nordsee. Es sank, als es 1919 nach Großbritannien geschleppt werden sollte und vom Schlepper losriss.  |  ©  Jacobs University Bremen

Es gibt einen weiteren Grund, an Bord zu bleiben: „Wahllos ins Wasser zu springen und zu suchen, wäre herausgeschmissenes Geld“, sagt er. Deshalb nutzen Mike Belasus und sein Team geophysikalische Messgeräte, mit denen sie Bilder der Wracks erstellen. Der Seitenrichtsonar zum Beispiel schickt Schallwellen in die Nordsee. Sie reflektieren am Meeresgrund, ein Computerprogramm wandelt die Daten in Bilder um. Wenn alles gut läuft, sind diese Bilder so genau, dass Mike Belasus erkennen kann, welche Kesselanlage das Wrack hat. So können die Forscher im Idealfall auf Alter und Herkunft des Schiffes schließen. Der nächste Schritt ist eine neue Expedition und ein Tauchgang zu den interessantesten Wracks.

Eines der Schiffe, die vor Helgoland am Meeresboden liegen, ist die Cöln. Sie war einst eine Art Vorzeigewrack für Forscher. Nach seiner Versenkung im August 1914 lag der Kleine Kreuzer jahrzehntelang auf dem Nordseegrund. Bis in die 70er Jahre waren Gefechtstürme und Deck gut erhalten. „Das war etwas Besonderes“, sagt Mike Belasus. Dann wurde die Cöln gesprengt und Teile von ihr geborgen: Das Wrack behinderte die Schifffahrt. Heute ist nur noch die Bodenschale übrig.

 

Videointerview mit Mike Belasus

„Auch heute wäre so eine Zerstörung möglich. Die Schifffahrt und die Sicherheit der Menschen sind wichtiger“, sagt Mike Belasus. Er weiß, dass die Nordsee kein stiller Ozean ist, dass dort Off-Shore-Windparks gebaut und Pipelines verlegt werden. Deshalb sagt er: „Wir sind an einem Kompromiss interessiert.“ Es gebe hier keine Guten oder Bösen.

Wenn Deutschland die Unesco-Konvention ratifizieren würde, so wie Frankreich, Belgien oder Spanien, dann wäre es schwieriger, Schiffswracks zu zerstören. Die Wracks aus dem Ersten Weltkrieg würden zu Unterwasser-Kulturerbe. „Da kommt eine große Arbeitslast auf einen zu, weil in dieser Zeit so viele Schiffe gesunken sind“, sagt Mike Belasus.

Doch es lohnt sich, davon ist der Forscher überzeugt. Vielleicht werde man in Zukunft anders mit den Wracks umgehen. Bis dahin gibt es aber noch viel zu tun: historische Quellen zu den Wracks suchen, Seefahrtsdaten und Positionsangaben auswerten. „Diese Arbeit ist eigentlich endlos.“ Resigniert sieht er aber nicht aus, als er das sagt. Im Gegenteil.

Bremens Partnerstädte:

Die Danziger Werft baute U-Boote

für den Kaiser

VON KATHRIN ALDENHOFF

Portrait Stephan Huck, Leiter des Deutschen Marinemuseums Wilhelmshaven

|  ©  Christoph Kellner

Die Werft in Danzig war nach Wilhelmshaven und Kiel die kleinste der drei kaiserlichen Werften. In ihr wurden die kaiserlichen U-Boote gebaut. Und die bekamen im Laufe des Krieges eine unerwartet große Bedeutung. Kathrin Aldenhoff sprach mit dem Leiter des Marinemuseums Wilhelmshaven Stephan Huck über die Bedeutung der Werft, den U-Boot-Krieg und gelangweilte Matrosen.

 

Die Danziger Werft hat einen großen Namen. Welche Rolle spielte sie im Ersten Weltkrieg?

 

Stephan Huck: Danzig hatte schlechte Zufahrtsmöglichkeiten und war deshalb nicht in der Lage, Kriegsschiffe in der Dimension zu bauen, wie sie am Vorabend des Ersten Weltkriegs geplant wurden. Deshalb blieb dort nur der U-Bootbau übrig. Doch es kamen nur rund 20 U-Boote aus der Werft, die anderen wurden in privaten Werften gebaut. Der Nimbus der Danziger Werft rührt nicht aus der Zeit des Ersten Weltkriegs, sondern aus der Solidarnosc-Bewegung.

 

Welche Bedeutung hatten U-Boote im Krieg zur See?

 

Der Fokus der kaiserlichen Marine lag anfangs bei den Großkampfschiffen, die im Rahmen der wilhelminischen Flottenrüstung gebaut wurden. Spätestens ab 1906 entwickelte sich die zu einem Wettrüsten mit Großbritannien. Das ist auch das Jahr, in dem das erste deutsche U-Boot in Dienst gestellt wurde. Das war eine gerade mal acht Jahre alte Waffe. Auch deshalb lag der Akzent zu Beginn des Krieges woanders.

 

Wann und warum hat sich das gewandelt?

 

Der Seekrieg entwickelte sich völlig anders, als gedacht. Die Idee der Hochseeflotte war, im Kriegsfall Großbritannien in heimatnahen Gewässern zu schlagen. Die Flotte war auf eine Entscheidungsschlacht getrimmt. Doch die politische Führung in Großbritannien entschied sich für ein anderes Mittel, nämlich die Seeblockade. Sie sollte die Zufuhren über die Nordsee ins Deutsche Reich verringern. Gegen die Seeblockade schien die U-Boot-Waffe das geeignete Mittel zu sein. Vor allem nach dem spektakulären Erfolg der U9 im September 1914 unter Kapitänleutnant Otto Weddigen. Er versenkte an einem Tag drei im Verband fahrende britische Panzerkreuzer und wurde geradezu kultisch als Seeheld verehrt. Mit diesem Moment verschob sich der Schwerpunkt auf den U-Boot-Krieg.

 

Im Laufe des Krieges wollten viele Soldaten und Offiziere der Hochseeflotte in die kleineren, gefährlicheren U-Boote wechseln. Warum?

 

Unsere aktuelle Ausstellung „Die Flotte schläft im Hafen ein“ basiert auf zwei Tagebüchern von Matrosen, die zeitgleich auf zwei Großkampfschiffen gefahren sind. Beide schreiben: nichts lieber als runter von diesen Schiffen und weg von der Untätigkeit an Bord. Und wenn‘s in die Schützengräben nach Flandern geht. Man wollte seinen Beitrag zum Krieg leisten. Da die Hochseeflotte des Kaisers selten zum Einsatz kam, waren U-Boote beinahe die einzige Möglichkeit dafür. Außerdem eignen sich U-Bootfahrer wie auch Flieger, beides sehr junge Waffengattungen, besonders gut für die Fortschreibung klassischer Heldenbilder. Und der U-Boot-Krieg war in Deutschland sehr populär. Die Bevölkerung hatte den Eindruck, dass hier der Krieg noch nicht so weit industrialisiert war. Dass er fairer war, Mann gegen Mann

Deutschland erklärte 1917 den uneingeschränkten

U-Bootkrieg. Der Plan war es, England innerhalb weniger Monate zu besiegen. Die deutsche Bevölkerung wurde mit Plakaten wie diesen dazu aufgerufen, für den Bau von neuen U-Booten zu spenden. Das Motiv des Plakats stammt von dem bekannten Marinemaler Willy Stöwer |  ©  Reproduktion, Deutsches Marinemuseum Wilhelmshaven.

 

 

Gab es keine ethischen Bedenken?

 

Bei der Besatzung schon. Von Otto Weddigen ist überliefert, dass er die Besatzung an Bord nahm, bevor er ein gegnerisches Schiff versenkte. Dem Kapitän soll er gesagt haben, dass das eine Selbstverständlichkeit sei. Es gehe nicht darum, Menschen zu töten, sondern Schiffe zu vernichten. Aber der Krieg führte zu einer Verrohung, so dass später Schiffe vernichtet wurden, ohne vorher die Besatzung an Bord zu nehmen. In Deutschland gab es vor allem auf der normativen rechtlichen Linie Diskussionen. Die Frage nach einem Kriegseintritt der USA spielte eine große Rolle. Die USA drohten, in den Krieg einzutreten, wenn neutrale Schiffe mit amerikanischen Passagieren gefährdet würden. Am 7. Mai 1915 versenkte die U20, die übrigens in Danzig gebaut wurde, den britischen Passagierdampfer Lousitania. Dabei starben mehr als 1000 Menschen, unter ihnen mehr als 100 Amerikaner.

 

Die anfangs gering geschätzten U-Boote wurden also zur entscheidenden Waffe?

 

Ja, die U-Boote haben ihren Anteil an der Schwächung von Großbritannien gehabt. Wenn man das Gesamtgeschehen des Ersten Weltkriegs ansieht, hat die Hochseeflotte eher eine gesellschaftliche Rolle gespielt: indem sie ein Katalysator für Unzufriedenheit wurde. Von ihr ging 1918 die Revolution aus, ihre militärische Wirkung aber war gering. Die U-Boote hatten sogar eine kriegsentscheidende Wirkung. Nur in einer anderen Richtung als gedacht.

Wie kam es dazu?

 

Im Jahr 1917 fiel die Entscheidung, den uneingeschränkten U-Bootkrieg zu beginnen. Dahinter stand eine aus der Luft gegriffene Versprechung: Innerhalb eines halben Jahres hätte man Großbritannien niedergerungen. Mit der Entscheidung provozierte man den Kriegseintritt der USA oder nahm ihn in Kauf. Die USA und ihr Ressourcenpotenzial hatte man völlig unterschätzt. Das war die klare Kriegswende.

Die Sonderausstellung „Die Flotte schläft im Hafen ein. Kriegsalltag 14/18 in Matrosentagebüchern“ ist bis zum 31. Oktober im Deutschen Marinemuseum Wilhelmshaven zu sehen.

Buchtipp zum Einsatz der Reichsmarine und dem U-Boot-Krieg: Nicolas Wolz: „Und wir verrosten im Hafen. Deutschland, Großbritannien und der Krieg zur See 1914 – 1918.“ Deutscher Taschenbuch Verlag, München.

Kapitel 7

Schöne Grüße von der Front

Geschichtsstudenten sichten Briefe von Soldaten / Detaillierte Kriegsbeschreibungen sind eher die Ausnahme |  © Christina Kuhaupt

100 Jahre lagerten die Feldpostbriefe an Pastor Ernst Georg Baars unentdeckt im Archiv. Nun sichten Geschichtsstudenten die 1000 Soldatenbriefe, die meist in Schützengräben entstanden. Einige Studenten hatten ausführliche Schlachtbeschreibungen erwartet. Doch dieser Detailreichtum bildet eher eine Ausnahme.

VON KIRA PIEPER


Bremen. Der weiß getünchte Seminarraum im Staatsarchiv Bremen ist in grelles Licht getaucht. Auf den ebenfalls weißen, massiven Tischen liegen blaue DIN-A5 Sammelmappen. In ihnen verborgen insgesamt 1000 alphabetisch sortierte Feldpostbriefe und -postkarten. 50 Soldaten haben sie während des Ersten Weltkrieges von der Front an den Pastor Ernst Georg Baars nach Vegesack geschickt.

 

Stapelweise Feldpostbriefe, die an einen Geistlichen gingen – das sei im Krieg nichts Ungewöhnliches gewesen, sagt Eva Schöck-Quinteros, Historikerin an der Universität Bremen. Baars pflegte offenbar ein gutes Verhältnis zu seinen Gemeindemitgliedern, vor allem zu seinen ehemaligen Konfirmanden. Zwischen 1914 und 1918 schickte er den Männern sogar ganze Pakete mit Zigaretten und Zeitungen an Ost- und Westfront. Ersichtlich wird dies heute durch die erhaltenen Dankesbriefe, die die Soldaten ins heimatliche Vegesack schickten und die nun von Geschichtsstudenten erstmals aufgearbeitet werden.

Feldpostkarten   |  © Christina Kuhaupt

Für die meisten der zwölf Studenten, die an dem Feldpostbrief-Seminar teilnehmen, ist es die erste Arbeit an authentischen Quellen. Victor Marnetté ist einer von ihnen: „Die Briefe sind wirklich sehr staubig und vergilbt“, sagt der 22-Jährige. Er hat sich während der vergangenen Monate auf Feldpostkarten spezialisiert. „In dem Bestand gibt es Hunderte von Postkarten mit unterschiedlichen Motiven“, sagt er und blickt vor sich auf den Tisch, wo ein Sammelsurium von Karten liegt. Darauf abgebildet vor allem Motive, die der Kriegspropaganda dienten: zerstörte Kirchen und Brücken, Gruppenbilder von Soldaten sowie kolorierte Zeichnungen von deutschen Prachtpromenaden. „Die Motive sind schon sehr ausdrucksstark“, findet Marnetté. Der Inhalt auf der Rückseite sei es indes weniger. „Oft ist der einzige Satz ´Vielen Dank für die Zigaretten´.“ Allerdings hätten die Soldaten meist auch nicht viel Zeit zum Schreiben gehabt. „Ihnen ging es einfach nur darum mitzuteilen, dass sie noch leben.“

„Eine Stadt im Krieg” - Eine szenische Lesung der Shakespeare Company

Gerade wegen der Zeitnot entstanden etliche Briefe und Karten in Windeseile, vermutlich zwischen zwei Gefechten direkt im Schützengraben. Das Resultat: Sie sind nur schwer zu entziffern. Haben die Studenten dann doch den Inhalt entschlüsselt, ist das Ergebnis meist ernüchternd. „Der Bestand durchdringt nicht den Alltag der Soldaten“, sagt Marnetté über seine Feldpostauswahl. Die Männer beschwerten sich nicht über die Bedingungen im Schützengraben, über die Ratten, den Gestank oder den Dreck. „Die Postkarten spiegeln einen Krieg ohne Krieg. Wären darauf nicht das Datum, die Einheit und der Rang verzeichnet, könnte man meinen, es sei gar kein Krieg.“ Zu Beginn des Seminars habe er sich das auch anders vorgestellt, sagt der Geschichtsstudent. „Historiker hoffen immer auf DEN Fund“, sagt Marnetté. Doch bei ihm bliebt dieser aus. Schöck-Quinteros erklärt die Zurückhaltung der Soldaten so: „Sie wollten ihre Familie zu Hause nicht beunruhigen. Außerdem sehnten sich die Soldaten auf dem Schlachtfeld nach der heimatlichen Normalität.“

 

Der Protagonist von Celsy Dehnert und Melanie Hunger bietet indes einen richtigen Einblick in seine Biografie. Bei der ersten Sichtung ist den beiden Studentinnen eine ganze Briefsammlung von dem 29-jährigen Soldaten Ernst Plack in die Hände gefallen. Seitdem transkribieren sie nach und nach jeden der insgesamt 40 Briefe. Mittlerweile haben die beiden Frauen bereits ein genaues Bild von Plack: Er sei Ingenieur gewesen, erläutert die 23-jährige Celsy Dehnert. Und die 27-jährige Melanie Hunger fügt hinzu: Als Mitglied der Eisenbahn-Kompanie sei er viel rumgekommen. „Plack war sowohl an der Ost- als auch an der Westfront.“ Indes faltet sie bereits den nächsten Brief auseinander. Filigran liegt das dünne, mittlerweile lichtdurchlässige Papier in ihren Händen: „Ich habe immer Angst, dass die Briefe auseinanderfallen könnten“, sagt die 27-Jährige. Ohne zu Stocken liest sie ihrer Kommilitonin den Inhalt vor. An Placks Schriftbild habe sie sich längst gewöhnt, erklärt sie. Währenddessen tippt Dehnert den Inhalt in eine digitale Exel-Tabelle ein. Worüber schrieb der 29-jährige Soldat? „Er schreibt über die Leute, die er sieht, über den Kriegsverlauf und beschwert sich über den mangelnden Informationsfluss an der Front“, sagt Hunger.

 

Feldpostbriefe und -postkarten

Während ihrer Arbeit hat sich die Sichtweise der Studenten auf den Ersten Weltkrieg verändert. Selbst wenn der Inhalt meistens dünn sei, werde der Erste Weltkrieg viel persönlicher, wenn man die Briefe in den Händen halte, sagt Hunger. Marnetté gibt zu, zu einigen der Protagonisten sogar eine persönliche Bindung aufgebaut zu haben. „Ein Historiker darf das eigentlich nicht“, sagt der 22-Jährige. „Manche waren gerade einmal 17 oder 18 Jahre alt und damit kaum jünger als ich.“ Als er dann recherchiert habe, dass diese jungen Männer gefallen waren, sei er „schon traurig“ gewesen.

 

Die mühselige Arbeit der Studenten wird belohnt: Von September bis November zeigt das Schloss Schönebeck in Vegesack die transkribierten Feldpostbriefe.

Der Schriftsteller und der Krieg
VON KATHRIN ALDENHOFF

Rudolf Alexander Schröder verfasste 1914 Gedichte voll glühendem Feindeshass / Sein Name ist mit dem Bremer Literaturpreis verbunden  |  ©  Georg Schmidt

Bremen. Die Urkunde über seine Bremer Ehrenbürgerschaft hat Rudolf Alexander Schröder 1948 mit drei Doktortiteln unterschrieben. Es sind Ehrendoktortitel für den Schriftsteller, Architekten und Übersetzer, später kamen noch zwei weitere hinzu. Er hatte viele Talente und war sich ihrer bewusst. Rudolf Alexander Schröder gilt als Erneuerer des evangelischen Kirchenliedes, die Stiftung, die den Bremer Literaturpreis verleiht, ist nach ihm benannt.

 

Der gebürtige Bremer ist aber auch der Verfasser eines Gedichtbandes, der 1914 nach Kriegsausbruch erschien. Der Titel: „Heilig Vaterland. Kriegsgedichte von Rudolf Alexander Schröder“. In martialischen, kriegseuphorischen und hasserfüllten Versen preist er die deutsche Treue, die Kühnheit der Vaterlandssöhne und den Zusammenhalt seines Volkes gegen die Feinde ringsum. Sein „Deutscher Schwur“ von 1914 wurde später zu einer Hymne von Hitlerjugend und SA. Darin heißt es zum Beispiel: „Eh der Fremde dir deine Kronen raubt, Deutschland, fallen wir Haupt bei Haupt.“

 

Gedichtband „Heilig Vaterland“

Das Zynische daran ist: Schröder selbst zog nicht in den Kampf. Er verbrachte den Ersten Weltkrieg als Zensor im deutschen Generalkommando in Brüssel und beschäftigte sich mit flämischer Lyrik. In seiner Euphorie aber stand er den vielen Künstlern und Schriftstellern, die 1914 mit Jubel in den Krieg zogen, in nichts nach.

 

Bremens Vorzeige-Schriftsteller dachte wie sie: „Er war ein typischer Vertreter einer bürgerlichen Gruppe, die den Krieg als Reinigung sah und als Chance, eine neue Gemeinschaft entstehen zu lassen“, sagt Kulturwissenschaftlerin Katharina Uhl. Sie verfasste 2011 im Auftrag der Rudolf-Alexander-Schröder-Stiftung ein Gutachten über den Bremer Schriftsteller, seine Werte, sein Weltbild sowie seine Rolle im Dritten Reich.

 

Von später Reue über das Gedicht habe sie nichts gefunden, sagt Katharina Uhl. Schröder habe zwei Haltungen dazu gehabt: Offiziell erwähnte er das Gedicht nach dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr; inoffiziell beschwerte er sich, dass er in der Öffentlichkeit nicht mehr erkannt werde, obwohl die Jugend mit „Heilig Vaterland“ aufgewachsen sei. „Schröder definierte sich darüber, dass er von seinem Weltbild nicht abrückte“, erklärt Uhl. Auch der Erste Weltkrieg habe ihn von der Idee einer überzeitlichen Vergemeinschaftung durch den Krieg nicht abbringen können. Sein Weltbild habe er nie in Frage gestellt. Dabei sei er ein hochgebildeter Mann gewesen. Siegfried Lenz bezeichnete ihn als „letzten großen Vertreter der deutschen Gelehrtenrepublik“. Ob Schröder der richtige Pate für den Bremer Literaturpreis ist, dazu will Katharina Uhl nichts sagen.

 

Barbara Lison ist Geschäftsführerin und Vorstandsmitglied der Rudolf-Alexander-Schröder-Stiftung. Sie spricht gerne über den schwierigen Namensgeber Schröder. Schröder habe sich nie von dem Gedicht distanziert, und er habe sich auch nicht offen gegen die Verwendung durch die Nationalsozialisten gewehrt. „Ich glaube, er hatte für sich persönlich kein Unrechtsbewusstsein.“

 

Rudolf Alexander Schröder und seine Bedeutung in Bremen ab 1914

Dennoch: Der Vorstand will den Namen der Stiftung nicht ändern. Der historische Kontext solle ruhig tradiert werden, sagt Lison.

 

Im zweiten Stock des Bremer Rathauses steht seit einigen Jahren eine Bibliothek, die Schröder Anfang des 20. Jahrhunderts für den Kunstsammler Leopold Biermann entworfen hat.

Bibliothek Schröder  
|  ©  Senatspressestelle

Im Jahr 2001 kaufte die Senatskanzlei die eleganten Möbel aus kubanischem Mahagoniholz. Der Raum wird für Gespräche im kleinen Kreis genutzt, Gäste werden oft hierher geführt. Und der Bremer Senat tagt mehr als 100 Jahre nach der Fertigstellung des Senatssaals noch auf einem von Schröder entworfenen Teppich. Das würde ihm sicherlich gefallen.

Kapitel 8

Gegen die Kriegspropaganda

Der Presseforscher Michael Nagel hat sich intensiv mit den vier großen Tageszeitungen befasst, die es im Ersten Weltkrieg in Bremen gab. Die sozialdemokratische Bremer Bürgerzeitung war seiner Ansicht nach eine Ausnahme in der damaligen Presselandschaft. |  © Christina Kuhaupt

Kein Fernsehen, kein Radio: Zur Zeit des Ersten Weltkriegs war die einzige offizielle Nachrichtenquelle die Tageszeitung. Militär und Regierung hingegen benutzten die Presse als Mittel, um den Bürgern Normalität vorzugaukeln. Eine Bremer Zeitung widersetzte sich.

VON JULIA FRESE


Bremen. Die Bürger mussten im Ersten Weltkrieg vieles entbehren. Kohle, Öl, Lebensmittel – alles war knapp. An einer Ressource jedoch wurde bewusst nicht gespart: an Papier. „Wir haben die Papierqualität der Zeitungen von Anfang bis Ende des Krieges geprüft“, sagt Presseforscher Michael Nagel von der Universität Bremen. „Doch das Papier ist zu keinem Zeitpunkt dünner geworden.“ Auch die Anzahl der Seiten habe sich nicht verringert. Und das, obwohl Tageszeitungen zu Anfang des 20. Jahrhunderts noch mehrmals täglich erschienen – die vielen kostenlosen Extrablätter noch nicht einberechnet.

 

Nagel hat eine einfache Erklärung: „Regierung und Behörden war daran gelegen, den Schein der Normalität zu wahren.“ Wäre die Zeitung nicht mehr wie gewohnt erschienen, hätte das den Sieges-Optimismus der Bürger schwerer erschüttert als alle anderen Einschnitte in den Alltag, so befürchteten Regierung und Militär offenbar. Darum setzten sie alles daran, die Tagespresse in ihrer bisherigen Form zu erhalten. Deshalb waren Journalisten auch vom Dienst an der Front ausgenommen.

 

Audio: Die Bremer Nachrichten von Sonntag,  2. August 1914

Die vier großen Tageszeitungen, die es in Bremen 1914 gab, waren politisch sehr unterschiedlich ausgerichtet. Am weitesten rechts stand das national-konservative Bremer Tageblatt, am weitesten links die sozialdemokratische Bremer Bürgerzeitung. Dazwischen lagen die bürgerlich-liberalen Bremer Nachrichten, deren Leser sich vor allem aus dem Kleinbürgertum und dem bürgerlichen Mittelstand zusammensetzten, und die liberal-kaufmännische Weser-Zeitung, deren Leser leitende Angestellte, Kaufleute, Reeder und andere einflussreiche Bürger waren. Das einzige Blatt, das auch überregional gelesen wurde, war zugleich das kriegskritischste. „Die Bremer Bürgerzeitung hatte eine wirkliche Sonderstellung“, sagt Michael Nagel. Nicht zuletzt lag die hohe Qualität des Blatts auch daran, dass sie so bekannte SPD-Größen wie Friedrich Ebert, Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg für sich als Autoren gewinnen konnte.

 

Die übrigen drei Bremer Tageszeitungen verbreiteten eine vorwiegend kriegsbejahende Stimmung, wenn sich auch der Tonfall teils erheblich unterschied. Das Bremer Tageblatt ließ am wenigsten Zweifel an seiner patriotischen Kampfeslust und veröffentlichte auch schon mal so süffisant-boshafte Zeilen wie: „Speisezettel für den 16. August: Belgierbraten, Russische Gänsebrüste, Nachtisch: Plumpudding, franz. Pfirsiche; abends: Tanzmusik in Paris.“

 

Dagegen beschreiben die Redakteure der Bremer Bürgerzeitung den Alltag schon gegen Ende des Jahres 1914 in düsteren Tönen. So heißt es in einem Artikel der Ausgabe vom 21. Oktober 1914: „Freimarktsanfang würde heute gewesen sein, wenn wir Friedenszeiten hätten. Jetzt sind die Plätze leer: denn Freude, Glück und heiterer Sinn sind ertötet auf lange.“ Derweil druckten die Bremer Nachrichten Zeichnungen von kriegsbegeisterten Reservisten, die vor lauter Freude über ihre Reise an die Front ihre Hüte in die Luft werfen.

 

Die Bremer Bürgerzeitung sei zwar eine Ausnahme in der Bremer Presselandschaft gewesen, sagt Michael Nagel, aber auch sie habe nicht nur kriegskritisch berichtet. Dies lag nicht zuletzt an den Strafen der Zensurbehörden. Schon in den ersten Kriegswochen erklärten Vertreter des Auswärtigen Amtes, des Generalstabes, der Obersten Heeresleitung und des preußischen Kriegsministeriums auf eigens dafür einberufenen Pressekonferenzen, welche Sprachregelungen von nun an für Journalisten galten.

 

Die Bremer Presselandschaft

Verboten war alles, was beim Leser Zweifel am Sinn des Krieges aufkommen lassen konnte. Dazu gehörten Bevölkerungsstatistiken, aus denen Kriegsverluste hervorgingen, oder Abbildungen von toten Soldaten, aber auch Werbung für Mittel gegen Kleiderläuse oder Berichte über Postbeamte, die Liebesgaben aus Feldpaketen gestohlen hatten. Auch große Jubel-Schlagzeilen waren allerdings nicht gern gesehen. So kritisierte der Leiter der Presseabteilung des Großen Generalstabs „fett gedruckte, zum Teil sensationelle Überschriften“. Diese seien eine „Entwicklung, die man als amerikanisch bezeichnen muss“ und die die Bürger unnötig nervös mache.

 

Erst im März 1917 wurden die meisten der Verordnungen in einem 80-seitigen „Zensurbuch für die deutsche Presse“ zusammengefasst. In den Jahren zuvor hätten sich jedoch selbst die Zensoren vom Kriegspresseamt der Obersten Heeresleitung nicht mehr im Dickicht der sich oft widersprechenden Regeln zurechtgefunden, heißt es in dem Buch „Erster Weltkrieg und Bremer Presse“ von Michael Nagel und Holger Böning. Dies habe auch daran gelegen, dass sich die Zensoren häufig kaum mit dem Zeitungswesen auskannten. Ein Journalist beschrieb die Situation Jahre später: „Beschäftigungslose Rechtsanwälte teilten mit unfähigen Referendaren bei den Zensurstellen den Arbeitstisch.“

 

Von den Bremer Tageszeitungen hatte die Bremer Bürgerzeitung am meisten unter den Zensoren zu leiden. Bremer Wirtschaftsbosse haben dafür gesorgt, dass die beiden Redakteure und Kriegsgegner Johann Knief und Paul Frölich schon zu Kriegsbeginn an die Front geschickt wurden. Andere Redakteure der Bremer Bürgerzeitung kamen mit telefonischen Rügen, schriftlichen Ermahnungen oder mehrtägiger sogenannter „Schutzhaft“ davon. So musste der Redakteur Emil Sonnemann im September 1915 für drei Tage hinter Gitter, weil er sich negativ über eine Zeitschrift geäußert hatte, die Kriegsgegner diffamierte.

 

Dennoch fand die Bremer Bürgerzeitung offenbar immer wieder Wege, ihre Kriegsablehnung so zum Ausdruck zu bringen, dass kein Zensor ihr etwas nachweisen konnte. Ein Beispiel sind die Todesanzeigen. Während die anderen Bremer Zeitungen regelmäßig Anzeigen veröffentlichten, in denen vom „Heldentod“ oder „Feld der Ehre“ die Rede war, stand in der Bremer Bürgerzeitung meist schlicht die tiefe Trauer der Angehörigen im Vordergrund. Teilweise verpackten die Anzeigensteller sogar ganz offensichtliche Kriegskritik in ihren Zeilen. So lauten die ersten Zeilen einer Todesmeldung, die eine Witwe für ihren verstorbenen Mann aufgegeben hat: „Gestern erhielt ich ganz unerwartet die traurige Nachricht, daß auch von mir der grausame Krieg das schwerste Opfer gefordert hat.“

„Die Hausfrau muss den Krieg gewinnen”
VON HANNAH PETERSOHN

Im Ersten Weltkrieg werden viele Bremerinnen erwerbstätig –

doch die Gleichberechtigung blieb aus

Eine Ausstellung zum Thema „Bremer Frauen an der Heimatfront 1914-1918“ wird am

2. September in der Zentralbibliothek eröffnet.  |  ©  Staatsarchiv Bremen

Bremen. Die Kriegsbegeisterung gilt um 1914 als Usus innerhalb der bürgerlichen Gesellschaftsschichten. Doch eine gehobenen Dame, Auguste Kirchhoff, Gattin eines Bremer Senators, schlägt andere Töne an: „Für mich ist der Krieg Massenmord...und der ihn herbeiführt, ein Verbrecher“, schrieb sie in einem Brief an ihre Tochter.

Auch das Leben an der „Heimatfront“ ist von Entbehrungen und Not geprägt, wie Renate Meyer-Braun, emeritierte Professorin für Geschichte, herausstellt. In ihrem Aufsatz „Zum Kriegsalltag Bremer Frauen“, der im aktuellen „Jahrbuch der Wittheit“ erscheint, beschreibt sie den von Erschöpfung und Entbehrungen geprägten Alltag der Frauen. In Folge drastischer Preissteigerungen und fehlender männlicher Arbeitskräfte werden viele der sogenannten „Soldatenfrauen“ erwerbstätig. Schon bald gelten Frauen gar als „größte Arbeitskraftreserve“.

 

Sind zu Kriegsbeginn gerade einmal 15 Bremerinnen in der Metallverarbeitung – normalerweise ein als Männerdomäne bekannter Bereich – tätig, steigt die Anzahl der weiblichen Mitarbeiter im Herbst 1918 auf rund 1600. Gleichwohl ist der Arbeitseinsatz nicht immer freiwillig. Gerade auf Empfängerinnen von Kriegsunterstützung wird Druck ausgeübt. Schließlich sollen die Bremer Frauen ihre „opferwillige Hingabe an das Vaterland“ beweisen, schreibt Meyer-Braun.

 

Der 1915 gegründete Hausfrauenverein macht sich demgemäß die „Mobilmachung“ der Frauen zum erklärten Ziel. Ihre mentale Mobilisierung steht nun im Fokus des Zeitgeistes. In einem Vortrag aus dem Jahr 1915 heißt es: „Die deutsche Hausfrau muss den Krieg gewinnen.“ Jener „Sieg“ wird als Sieg über die Knappheit der Nahrungsmittel verstanden. Ab 1916 betreiben Bremer Frauenverbände Volksküchen zur Verbesserung der Ernährung ärmerer Volksschichten. Doch verzichten manche Frauen aus Stolz auf das Angebot – sie wollen nicht „zu Objekten einer solchen Fürsorge herabgewürdigt werden“, schreibt die Bremer Wissenschaftlerin Meyer-Braun.

 

Im Zuge ihrer neuen Erwerbstätigkeit sind Frauen zunehmend unabhängig vom Lohn der Männer. Das verstärkt ihren Willen zur politischen Mitbestimmung. Freilich, die Angst vor dem Rollenwandel nimmt auf Seiten der männlichen Bevölkerung proportional zum Unabhängigkeitsbestreben zu: Bremer Senatoren wollen schließlich die „häuslichen Verhältnisse“ gewahrt wissen. Der Bremer Obermedizinalrat Dr. Tjadens sorgt sich gar um den „Bestand der deutschen Nation“. Den sieht er in Gefahr angesichts der körperlich harten Arbeit der Frauen. Schon bald wird die Frage laut, wie die Erwerbstätigkeit der Frauen nach Kriegsende wieder rückgängig und die Vorkriegs-Geschlechterordnung wieder hergestellt werden kann.

 

Anders als gemeinhin angenommen habe der Erste Weltkrieg eben keinen „Emanzipationsschub“ bewirkt, so Meyer-Braun. Frauen müssen nach dem Krieg ihre Arbeitsplätze in Verwaltung, Verkehr, Handwerk und Industrie wieder räumen. Die Gesellschaft ist noch nicht bereit für veränderte Rollenverteilungen.

Werbung für den Krieg
Konrad Elmshäuser über die Nutzung von Plakaten in Bremen

VON KLAAS MUCKE

Der Leiter des Staatsarchivs Bremen Professor Konrad Elmshäuser


Was ist der Vorteil von Plakaten im Vergleich zu anderen Medien zu Beginn des 20. Jahrhunderts?

Das Plakat war das einzige Bildmedium, das im Sinne einer Werbekampagne Menschen erreichen konnte, die man davon überzeugen wollte, entweder ein bestimmtes Produkt – etwa eine Kriegsanleihe – zu kaufen oder sich an einer bestimmten Aktion wie Spenden- oder Sammelaktionen zu beteiligen. Im Grunde gab es neben dem öffentlichen Aushang und dem Plakat nur noch die Zeitung als Medium.



Wie wurden auf den Plakaten die Aussageabsichten umgesetzt?

Die Bandbreite der stilistischen Mittel und der Motive, die man verwandt hat, ist enorm breit. Sie geht von Textplakaten, in denen nur mit der Schrift gearbeitet wird, über illustrierte Plakate bis zu ganz massiven Bildinhalten – wie einen trutzigen Hindenburg-Kopf oder einen Stahlhelm tragenden Soldaten. Andere sind regelrecht verspielt und behandeln im Heimatstil Dinge, die so auch für eine Kaffeereklame benutzt werden könnten. Und das ist kein Zufall. Denn die Künstler kommen aus einer Branche, die damals ihren ersten Höhepunkt erlebt – und das ist die Werbebranche.

Motive aus der Ausstellung des Staatsarchivs „Plakate im Krieg“

Wie hat die Bevölkerung in Bremen diese Werbung aufgefasst?

Darüber haben wir so gut wie keine verlässlichen Materialien. In der Regel tappt man dabei im Dunkeln. An einer Stelle habe ich allerdings eine Aktennotiz gefunden: Darin wird in einem geheimen Schreiben aus Berlin an die Polizeidirektion Bremen mitgeteilt, dass an vielen Orten systematisch ein Plakat abgerissen wurde, auf dem mit dem Kopf Hindenburgs für Kriegsanleihen geworben wurde – „von Kindern und Jugendlichen aus sozialistischen Kreisen“, wie es heißt. Das solle man möglichst unterbinden. Das sagt aber noch nichts darüber, in welchem Ausmaß das hier in Bremen auch passiert ist.



Kann man anhand des Tonfalls der Plakate feststellen, wie der Kriegsverlauf in der Stadt erlebt wurde?

Das geht nur bedingt. Aber wo man zum Kriegsende hin eine massive Zunahme von mächtigen Motiven sieht, ist in der politischen Propaganda. Die ist in der ersten Kriegshälfte sehr selbstreferenziell: Die Deutschen thematisieren nur, wie sie sich selbst sehen, da ist unheimlich viel Selbstvergewisserung und Selbstrechtfertigung darunter. In der letzten Kriegsphase wird zum ersten Mal der Feind zum Thema – und dessen unterstellte Absichten. Damit geht es auch um die möglichen Folgen für das Deutsche Reich. Da werden Invasionsängste geschürt, das sind Durchhalteparolen. Der Zweck ist völlig klar: Es soll ein letztes Aufbäumen ermöglicht werden.

Kapitel 9

Sprechende Steine

Judita Králiková aus Tschechien entfernt Unkraut an einer Grabstelle für Gefallene des Ersten Weltkriegs. |  © Christina Kuhaupt

Aus 13 Nationen sind die 34 jungen Leute nach Bremen gekommen, um auf dem Osterholzer Friedhof Kriegsgräber zu pflegen. Sie nehmen teil an einem zweiwöchigen Workcamp des Volksbunds Deutsche Kriegsgräberfürsorge. Für viele von ihnen ist der Erste Weltkrieg nur schwer begreiflich. Doch bei ihrer Begegnung begreifen sie etwas anderes.

VON JÖRN SEIDEL


Bremen. Gedenkfeier in der Osterholzer Friedhofskapelle. Mehr als 100 Menschen sind gekommen, um an diesem 3. August an den 100. Jahrestag der Kriegserklärung Deutschlands an Frankreich und die Opfer von Gewalt und Krieg zu erinnern. Bürgerschaftspräsident Christian Weber hält eine kluge Rede, die den Bogen schlägt vom Ersten Weltkrieg zum wiederaufflammenden Antisemitismus in Europa. Diplomatisch spricht er heutige Konflikte an, ohne den russischen Vizekonsul in der ersten Reihe zu verprellen.

 

Was mag wohl von diesen großen Worten bei den 34 jungen Menschen im Publikum angekommen sein, die sich in Bremen zu einem internationalen Workcamp des Volksbunds Deutsche Kriegsgräberfürsorge versammelt haben? Sie stammen aus 13 Nationen, darunter Lettland, Dänemark, Russland, Rumänien, der Ukraine und Türkei, und verständigen sich meist auf Englisch. Zwei Wochen lang wohnen sie im Lidice-Haus auf dem Stadtwerder, beschäftigen sich bei Diskussionsrunden, Exkursionen und Zeitzeugengesprächen mit Krieg und Gedenken. Und mehrmals fahren sie hinaus auf den Osterholzer Friedhof, um Kriegsgräber von Unkraut, Moos und Gestrüpp zu befreien.

Internationales Workcamp - Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge

Nicht nur bei der Gedenkfeier bekommen die jungen Leute große Worte mit auf den Weg. Auch Dietmar Werstler, ehemaliger Oberst und Landesvorsitzender des Volksbunds, legt ihnen auf dem Friedhof einen Gedanken nahe, der sie bei ihrer Pflege der Grabsteine begleiten möge: „Stones can speak“, sagt Werstler, den früheren Bundespräsidenten Theodor Heuss zitierend. „Steine können sprechen.“

 

Heuss gebrauchte diese Metapher 1952 zur Einweihung eines Mahnmals am ehemaligen Konzentrationslager Bergen-Belsen, als er über Soldatennamen auf Gedenksteinen und die „Ehrfurcht vor dem Tod“ sprach, über den Schrecken des Krieges und über Momente größter Mitmenschlichkeit unter Feinden. Menschlichkeit, sagte der Bundespräsident, sei „ein ganz einfaches Sich-Bewähren gegenüber dem anderen, welcher Religion, welcher Rasse, welchen Standes, welchen Berufes er auch sei.“ Auch diese Botschaft, so implizierte Heuss, könnten Steine vermitteln. „Es kommt auf den einzelnen, es kommt auf dich an, dass du ihre Sprache, dass du diese ihre besondere Sprache verstehst, um deinetwillen, um unser aller willen!“

 

Viele dieser großen Gedanken, mit denen die jungen Leute beim Workcamp konfrontiert werden, mögen auf sie reichlich theoretisch wirken. Was sie bewogen hat, hierher zu kommen? Auch geschichtliches Interesses, bekunden die 20-jährige Tschechin Judita Králiková und die 21-jährige Ukrainerin Irina Hnidash, aber vor allem die Möglichkeit, Englisch zu sprechen und Leute unterschiedlicher Kulturen kennenzulernen. Nun knien sie an Gräbern deutscher und russischer Soldaten, die im Ersten Weltkrieg in Bremer Lazaretten starben, und kratzen mit Messern Moos von den Steinen. Auf dem Gräberfeld nebenan befüllen junge Männer eine Schubkarre mit Gestrüpp, das die Grabplatten aus dem Zweiten Weltkrieg verdeckte. Woanders wird gerade ein Pfad aus Rindenmulch angelegt, um ein vergessenes Mahnmal für die Toten des Deutsch-Französischen Kriegs zugänglich zu machen. Die Sonne scheint, es wird gelacht und geplaudert – doch nur selten über Geschichte.

 

Besonders der Krieg, der vor 100 Jahren begann, ist für viele hier kaum begreifbar, nur wenig ist ihnen darüber bekannt. „Mein Urgroßvater ist im Ersten Weltkrieg gestorben“, sagt Králiková. Und ihr 17-jähriger Bruder Daniel weiß: „Einige Staaten in Europa wollten durch den Krieg die Grenzen verschieben.“ Woher die Toten dieser Gräber stammen, spielt für Hnidash keine Rolle. Jedem gefallenen Soldaten, für wen auch immer er kämpfte, sollte gedacht werden. „Wir sollten Sie in unserem Geist und Herzen tragen“, sagt die Ukrainerin.

 

Dass jemals wieder ein Weltkrieg ausbrechen könnte, vermag sie sich nicht vorzustellen. „Ich hoffe, dass es nicht passiert. Deshalb kann ich es mir nicht vorstellen“, sagt Hnidash. Genauso wenig habe sie sich aber auch den aktuellen Konflikt in ihrer Heimat vorstellen können. „Ich bin schockiert, dass das passiert ist.“ Und als sie erfahren habe, dass am Workcamp auch Russen teilnehmen, da habe sie „wirklich Angst“ bekommen. Denn „Russen denken über die Situation anders als wir“.

 

Während des Workcamps blende sie das Thema lieber aus. „Wir reden nicht darüber“, sagt Hnidash. „Das ist Politik“, befindet sie, als habe man ohnehin kaum Einfluss darauf, und Králiková pflichtet ihr bei: „Ja, das ist Politik. Viele Soldaten sind damit gar nicht einverstanden, machen aber mit.“ Und auch der junge Russe Mark Voskresentsev sagt: „Nicht die Menschen, sondern die Regierungen begannen den Konflikt.“ Hier beim Workcamp gebe es hingegen keine Probleme miteinander. Und tatsächlich stehen bei den Teilnehmern eher Miteinander und Fröhlichkeit im Vordergrund statt Geschichte und Politik.

 

Was werden die jungen Leute wohl mitnehmen von diesem Workcamp? Zwei Wochen lang leben sie eng zusammen, lernen sich kennen und freunden sich an. „Wir sind wie eine Familie“, sagt die 17-jährige Giulia Angelone aus Italien inmitten der Kriegsgräber auf dem Osterholzer Friedhof. „Unsere Begegnung hier gibt uns die Möglichkeit, Frieden zu schaffen“, sagt sie und wirkt dabei, als habe sie die Sprache der Steine verstanden.

Die Gedenkfeier in der Friedhofskapelle schreitet voran. Nach dem Bürgerschaftspräsidenten treten nun die Workcamp-Teilnehmer auf. Szenisch inszenieren sie die Verse zum Totengedenken. Dann verstummen alle zu einer Schweigeminute. Totenstille in der Kuppelhalle.

 

Plötzlich erklingt leise eine Gitarre, und die jungen Leute aus den vielen Nationen stimmen John Lennons Ballade „Imagine“ an. Sie singen vom Traum einer Welt ohne Krieg. Und in diesem innigen Moment scheint von den jungen Leuten ein magischer Funke aufs Publikum überzuspringen, das ihnen sichtlich gerührt applaudiert.

Gefallene Helden
VON ALEXANDER TIETZ

Ein Propaganda-Denkmal für tote Soldaten kippt in den 80er Jahren um – und bringt dadurch viele Kritiker zum Schweigen

Im Jahr 1988 kippte das Denkmal vor der Hochschule Bremen um – und beendete dadurch eine langjährige Debatte.  |  ©  Christoph Kellner

Bremen. Das Denkmal vor der Hochschule Bremen wird in den 80er Jahren zu einem Politikum: Soll es abgerissen werden? Soll es umgestaltet werden? Müsste man vielleicht eine Gedenktafel aufstellen? Oder eine andere Ergänzung vornehmen? Fragen über Fragen, die Dozenten, Anwohner und Studenten über Jahre beschäftigen. So, wie das Denkmal steht, aufrecht und erhaben: so kann es jedenfalls nicht bleiben.

 

Es ist der 4. Februar 1934, ein Sonntagvormittag. In der Neustadt versammeln sich Dozenten, Studenten, Vertreter der Kreisleitung der „Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei“ (NSDAP) sowie Reichswehr und Marine an der Langemarckstraße. Sie treten vor das Gebäude der ehemaligen Technischen Staatslehranstalten, um das Denkmal „Unsern Helden“ einzuweihen. Das Monument wird 200 gefallenen Soldaten des Ersten Weltkriegs gewidmet.

Das „Ehrenmal für die Gefallenen der Technischen Lehranstalten von 1914-1918“ vor seiner Zerstörung.

|  ©  August Trape

Das Lied „Der gute Kamerad“ erklingt. Die Fahnen werden gesenkt. „Ergriffenes Schweigen“ liegt über der Menge, schreibt ein PropagandaAutor der Bremer Nachrichten. In einer „von tiefem Ernst durchdrungenen Rede“ verkündet der damalige Bildungssenator Richard von Hoff (NSDAP), er nehme das Ehrenmal „in die Obhut des Staates“. Es sei, so zitiert ihn die Weser-Zeitung, „immer wieder der Einsatz der Person, der gefordert werden müsse und den wir brauchen für die Verwirklichung unseres Ziels: das Dritte Reich.“

 

Es ist eine Zeremonie, die den damaligen Zeitgeist spiegelt. „Aus Opfern und Kanonenfutter machte man Helden“, sagt Renate Meyer-Braun, Professorin für Sozialwissenschaften. In ihrem Aufsatz „Denkmalsturz und Namensstreit“ schreibt die Bremerin, die Reichsführer hätten sich durch „Erwecken heroischer Gefühle“ ständig versichern müssen, dass Krieg und Tod einen Sinn haben.

Der Weser-Kurier spricht von „Rowdys“, die das Denkmal im Jahr 1988 umgestoßen haben sollen.  |  ©  Jochen Stoss

 

50 Jahre später ist dieser Sinn nicht mehr tragbar. Der Stahlhelm, der altarförmige Sockel, der Eichenlaubkranz, die propagandistische Strahlkraft des Denkmals überhaupt: All das passt nicht zur Hochschule Bremen, deren Grundwerte sich dem Frieden zugewandt haben.

Die Instandsetzung sollte etwa 5000 Mark kosten.  |  ©  Jochen Stoss

 

Die Studenten der 80er Jahre verschwören sich gegen das Denkmal. „Es brodelte gewaltig“, sagt Renate Meyer-Braun, die heute 75 Jahre alt ist und damals an der Hochschule Bremen lehrte. Die Studenten bemalen das Denkmal mit Parolen wie „Nazis raus“. Im Januar 1984 fordert der studentische Ausschuss (AStA) gar, das Monument zu beseitigen oder zumindest ein „zusätzliches ‚Gegen‘-Denkmal (gegen den Krieg)“ zu errichten. Beide Vorschläge bleiben Vision. Wenigstens lässt sich Ronald Mönch, Rektor der Hochschule, auf eine Umgestaltung des Denkmals ein. Mehrere Entwürfe werden erstellt. Danach aber passiert für die Beteiligten etwas Merkwürdiges – nämlich nichts. Vier Jahre vergehen, ohne dass der Akademische Senat handelt.

 

Vielleicht wäre nie etwas passiert, wenn diese mysteriöse Nacht nicht dazwischen gekommen wäre, von der man nicht genau weiß, was in der Dunkelheit geschah. Am Morgen des 5. Januar 1988 liegt das Denkmal auf dem Boden. Die Presse berichtet von Unbekannten, die den Stein umgekippt haben sollen. Die Hochschule erstattet Strafanzeige, der oder die Täter konnten nie ausfindig gemacht werden.

Video-Interview mit einer Zeitzeugin und der heutigen Rektorin

Ob Vandalismus oder politischer Wille das Denkmal umgestürzt haben: Diese Frage bleibt offen. Die Diskussion aber, die Frage nach der Zukunft des Denkmals, sie brennt im Jahr 1988 wieder auf. Während der Kanzler der Hochschule, Jürgen-Peter Henckel, für die Aufrichtung des Steins plädiert, fordert ein Professor den Kanzler in einem Schreiben auf, sich bei den Tätern zu entschuldigen. Die Hochschule hätte schließlich „durch ihre permanente Untätigkeit“ zu der Tat beigetragen. Ein Student wiederum schlägt vor, das Geld besser in die Weiterbildung zu stecken. „Die Helden liegen sozusagen mit der Nase im Dreck.“ Diese Lage entspreche eher der Realität des Krieges als „Pomp und Getöne um Heldentum“, zitiert Meyer-Braun den Studenten des AStA.

 

Am Ende setzt sich die Deutung des Studenten durch. Das Denkmal bleibt liegen, allerdings auf einer Steinplatte. Etwaige Vorschläge, etwa den Stein neben den Sockel zu setzen, werden verworfen. Der gesamte Prozess, um die Steinplatte inklusive einer Gedenktafel umzusetzen, dauert fünf Jahre.

Das umgestürzte Denkmal heute

Renate Meyer-Braun ist noch heute über die Tatenlosigkeit irritiert. Zudem sei die Geschichte überhaupt merkwürdig. Der Akademische Senat habe eine rechtswidrige Tat Unbekannter aufgegriffen und mit einer Bedeutung versehen, „von der man nicht einmal sicher sein kann, ob sie von den ‚Umstürzlern‘ intendiert gewesen ist“.

 

14. November 1993, wieder ein Sonntagvormittag. Erneut wird das Denkmal eingeweiht – ohne Pomp, ohne gesenkte Fahnen, ohne Musik. Lediglich „eine Handvoll Personen“, erinnert sich Meyer-Braun, wohnen der Zeremonie bei. „Betretene Gesichter“ schauen auf den umgefallenen Stein.

 

Offenbar weckt das Denkmal in einer Zeit des vermeintlichen Friedens kaum Aufmerksamkeit, zumindest weniger, als in Zeiten des Nationalsozialismus. Der Frieden ist eben, manchmal leider, stiller als der Krieg.

Denkmal der Zehntausend – das Ehrenmal Altmannshöhe
VON ALEXANDER TIETZ

Sie ist eine der größten Gedenkstätten Bremens – das Ehrenmal Altmannshöhe  |  ©  Klaus Sander

Bremen. Von ungezählten gefallenen Soldaten des Ersten Weltkriegs bleibt nicht mehr als ein roter Backstein, nicht mehr als ein kleiner Klinker zurück, der oben auf der Altmannshöhe, zwischen Kunsthalle und Weser, inmitten anderer Steine steckt. Auf einer Ringmauer stehen die Namen von mehr als 10 000 Verstorbenen.

 

 Ehrenmal Altmannshöhe

Das Denkmal für die im Ersten Weltkrieg gefallenen Bremer ist für viele der einzige Ort, an dem sie ihrer Angehörigen gedenken können. Peter Kuckuck ging als kleiner Junge an der Hand seines Vaters zur Altmannshöhe und entdeckte den Stein seines Großvaters: „D.W. Kuckuck“. Für Peter Kuckuck war es die erste Begegnung mit seinem Großvater.

Eingeweiht wurde das Ehrenmal im Jahr 1935 durch das NS-Regime. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs folgen zahlreiche Proteste. Soll das propagandistische Denkmal beseitigt werden? „Nein“, schreibt Peter Kuckuck in dem Sammelband „Denkmäler in Bremen zwischen 1435 und 2001“. Ein Abriss würde zahlreiche Bremer Familien einer „Stätte des öffentlichen Totengedenkens“ berauben.

Treffen der Generationen: Peter Kuckuck und Enkel Kilian entdecken den Stein ihres Groß- bzw. Ururgroßvaters.  |  ©  Donat Verlag

Im Jahr 2004 steht Peter Kuckuck erneut auf der Altmannshöhe. Diesmal mit seinem dreijährigen Enkel und seinem Sohn. Tage später erklärt der Kleine: „(K)Tuckuck tot. Immer tot.“ Der Junge, so Peter Kuckuck, „muss etwas verstanden haben“.




 

Kapitel 10

Die Erinnerung stirbt zuletzt

Bremen. Mehrere tausend Soldaten zogen vom Bremer Hauptbahnhof in den Ersten Weltkrieg - und kamen nie wieder zurück.  Zurückgelassen haben sie ihre Familien, ihre Frauen, ihre Kinder. Den Angehörigen blieben nur Fotos, Briefe oder Tagebücher der Soldaten. Sie haben den Ersten Weltkrieg nicht erlebt und ihre Väter und Großväter oft nie kennengelernt. Trotzdem hinterlässt der Krieg eine Wunde in der Familie, die 100 Jahre später nicht verschlossen ist. Noch immer reden die Angehörigen, beinahe am Rande der Tränen, über ihre Soldaten. Sie geben nicht auf, die Rätsel der Vergangenheit zu entschlüsseln. Sie können nicht loslassen. Sie wollen nicht loslassen.


„Wenn der Erbe nicht mehr da ist, bricht alles zusammen.“

VON ALEXANDER TIETZ UND CHRISTOPH KELLNER



Hermann Timm zog in den Ersten Weltkrieg, als er 17 Jahre alt war. Er verabschiedete sich von seiner Familie in Morsum und schrieb in Feldpostbriefen, wie es ihm an der Front geht. In seinem letzten Brief heißt es, er schreibe „nun bald wieder“. Die Familie sollte ihn nie wieder sehen. Was bleibt, ist eine Nachricht, der zufolge Hermann Timm seit dem 30. September 1918 vermisst wird. Elsa Diedrich hat Hermann Timm nie getroffen. Trotzdem lässt die 82-Jährige die Frage nicht los, was mit ihrem Onkel passierte.

Hermann Timm - Ein Soldatenschicksal



„Er sah den Tod, aber berührt hat ihn das scheinbar nicht.“

VON ALEXANDER TIETZ UND CHRISTIAN WALTER



Eugen Ritter war ein undurchschaubarer Mann. Nicht einmal sein Sohn weiß, wer sein Vater genau war und warum er mit 17 Jahren begeistert in den Krieg zog. Knapp 100 Jahre später hinterlässt Eugen Ritter seiner Familie eine der größten Bremer Sammlungen über den Ersten Weltkrieg: hunderte Fotos, mehrere Dutzend Tagebücher. Eugen Ritter fotografierte Leichen, Schützengräben, abgeschossene Flugzeuge. Er verlor unzählige Kameraden. Trotzdem zog er auch stolz in den Zweiten Weltkrieg. Sein Sohn, Armin Ritter, fragt sich noch heute: Warum?

Eugen Ritter - Ein Soldatenschicksal



„Ich hätte meinen Großvater gern kennengelernt.“

VON MAX POLONYI, ALEXANDER TIETZ UND CHRISTOPH KELLNER

Als das Deutsche Heer im August 1914 mobil macht, muss der Bremer Schiffsmechaniker Paul Sommer an die Front. Ein paar Monate später ist er tot. Sein Enkel Kurt Sommer hat seinen Großvater nie kennengelernt. Es gibt kein Grab und keine Quelle, die davon zeugt, was mit Paul geschehen ist. Was geblieben ist, sind einige Fotos und Unterlagen. Die Dokumente reichen dem Enkel aber nicht aus, um die Geschichte seines Großvaters aufzuarbeiten. Kurt Sommer begibt sich deshalb auf eine Reise. Der Weg führt nach Polen – und zu einer Begegnung.

Paul Sommer - Ein Soldatenschicksal

Kapitel 11

Vatis Geschichte

Heinz Detjens Vater erlebte Krieg und Gefangenschaft in Ägypten – und schrieb ein Buch darüber.   |  ©  Christina Kuhaupt

Er sah Freunde sterben und wäre in der Wüste beinahe selbst verdurstet: Hinrich Detjen hat seine Erlebnisse aus dem Krieg in einem Buch notiert – über sie gesprochen hat er aber nur selten. Sein Sohn Heinz hat die Aufzeichnungen gefunden und erinnert sich an seinen Vater.

VON STEFAN LAKEBAND


Bremen·Maadi. Heinz Detjens faltige Hände streichen über die Erinnerungen an seinen Vater. Vergilbtes Papier, verblasste Schrift, eingebunden in dunkelbraunes Leder. Es ist das Buch, in dem sein Vater Hinrich seine Erlebnisse aus dem Ersten Weltkrieg aufgeschrieben hat. Und es ist der einzige Weg für Heinz Detjen, um zu erfahren, was sein Vater vor knapp 100 Jahren durchlebt hat. „Vati hat nicht viel über den Krieg erzählt“, sagt der 90-Jährige.

 

Es war 1890, als Hinrich Detjen in Tarmstedt als Sohn eines Bauern zur Welt kam. „Es gab es ja nur Bauern oder Tischler auf dem Land“, sagt sein Sohn. Was damals wohl niemand ahnte: Detjen sollte kein Bauernjunge bleiben. 1909 meldete er sich freiwillig beim Bremer Infanterie-Regimentes Nr. 75. Fünf Jahre später wurde es ernst. In seinen Erinnerungen schreibt er: „Wie hatte ich mich 1914 gefreut, als der Krieg ausbrach, um endlich einmal der Welt zeigen zu können, was wir gelernt hatten. Als ich Abschied nahm von meinen Eltern, fragte mich meine Mutter: ,Für was ziehst du denn jetzt hinaus? Du hast ja nichts zu verteidigen, und nichts, was Dein eigen ist!‘“

Hinrich Detjen (links) 1917 als Soldat und sein Sohn Heinz heute.   |  ©  Detjen/Christina Kuhaupt

Audio: Heinz Detjen liest, wie sein Vater Hinrich die Zugfahrt in Richtung Türkei beschrieben hat.

Mit 24 Jahren kam Detjen erst nach Ostpreußen, dann begann 1918 sein Einsatz am Rande Europas. Sein Kommando sollte das Osmanische Reich unterstützen, einen Verbündeten der Deutschen. Im Zug fuhr er über den Balkan. Er kam erst in die Türkei und später über das heute syrische Aleppo in den Nahen Osten. „Mein Vater hat sich schon als Kind für die weite Welt interessiert“, sagt Heinz Detjen heute. „Vor allem Geschichten von fremden Orten haben ihn fasziniert.“

 

Zum ersten Mal hat Heinz Detjen das Buch 1928 gesehen. Sein Vater hatte damals die Bahnhofswirtschaft in Tarmstedt. „Viel gab es aber nicht zu tun. Ich erinnere mich noch, wie er am Tresen stand und immerzu in ein Kassenbuch geschrieben hat.“ Das gleiche Kassenbuch, dessen vergilbte Seiten heute so viel über das Leben seines Vaters preisgeben. Doch das wusste Heinz Detjen damals noch nicht. Dabei ist es schon ein kleines Wunder, dass er diese Erinnerungen heute in den Händen halten kann. Als er 1945 aus dem Krieg zurück kam, fand er das Haus seiner Eltern ausgebrannt und zerstört vor. Doch das Buch hat diese Zeit unbeschadet überstanden. Wie, das weiß er selbst nicht. Er hat es im Nachlass seines Vaters gefunden.

Audio: Hinrich Detjen beschreibt seinen Willen zum Überleben – auch wenn die Lage hoffnungslos schien.

Im September 1918 endete der Krieg jäh für Detjen. Nach einem verlorenen Gefecht mit britischen Truppen bei Djenin, einer kleinen Stadt in der Nähe von Nazareth, flüchtete er. Doch die Wasserreserven waren schnell aufgebraucht. „Fast keinem von uns ist es möglich, ein Wort über die ausgetrocknete Zunge zu bringen. Wenn nicht bald von irgendeiner Seite, sei es von freundlicher oder von feindlicher, Hilfe kommt, werden wir den Abend nicht mehr lebend erreichen. Während wir gestern noch so um unser Leben bangten, bemächtigte sich unsrer jetzt eine Sehnsucht nach dem Tode“, notiert Detjen später in Tarmstedt. Die Erlösung kam – brachte ihn jedoch als Kriegsgefangenen ins ägyptische Maadi.

 

Stöbern Sie auf der Karte und entdecken Sie ausgewählte Stationen von Hinrich Detjen im Nahen Osten, Ägypten und in Europa. Wenn Sie auf die Markierungen klicken, können Sie lesen, was Detjen dazu in seinen Erinnerungen notiert hat.

Nach einer schweren Zeit im Lazarett ging es für Detjen schnell bergauf. Er half den Engländern bei der Lagerverwaltung und fand schnell Freunde – auch außerhalb des Lagers, das er verlassen durfte. „Überall werden wir freundlich aufgenommen. Wir verkehren mit Freunden in Restaurants, wo Offiziere und auch unser Oberleutnant verkehren. Hier spielen wir stundenlang Halma und Schach bei echtem Kaffee à la türk.“

 

Das Schachspielen hat Hinrich Detjen sein Leben lang beibehalten. „Er hatte diesen einen Freund“, erinnert sich sein Sohn, „mit dem er immerzu Schach gespielt hat.“ Kriegsgefangenschaft und Entbehrungen haben Hinrich Detjen nicht verbittert. Er findet sogar gute Worte für seine Zeit als Soldat. „Ich habe den Krieg nicht nur von der schlechten und unangenehmen Seite, sondern auch von der guten und angenehmen Seite kennengelernt. Ich habe fremde Völker, Länder und Erdteile gesehen und das alles nur durch den Krieg“, schreibt er.

 

Dieses Bild zeigt Hinrich Detjen, links außen in der hinteren Reihe, zusammen mit den britischen Soldaten in Ägypten. Als Gefangener hilft er ihnen bei der Lagerverwaltung.
|  ©  Detjen

Audio: Heinz Detjen liest vor, wie sein Vater die Zeit als Gefangener in Ägypten erlebt hat.

„Vati hatte nie Probleme mit Fremden und war sehr offen“, erinnert sich Heinz Detjen. Etwas, das er auch an seinen Sohn weitergegeben hat. „Er hat immer gesagt. ‚Man muss die Leute nehmen, wie sie sind. Wir sind schließlich alle Menschen.‘ Das war ihm sehr wichtig.“

 

An einen Vorfall kann sich Heinz Detjen aber erinnern, bei dem sein Vater wütend wurde. Um nach dem Krieg Autos zu verkaufen, brauchte er die Genehmigung der Handelskammer. Doch die spielte nicht mit. Hinrich Detjen antwortete mit einem verärgerten Brief. „Schließlich habe er für sein Vaterland gekämpft und sein Leben riskiert und nun dürfe er nicht einmal Autos verkaufen“, schildert sein Sohn die Situation. „Damals war man stolz, Soldat zu sein.“

Umso größer war wohl der Schmerz, als Hinrich Detjen im mehr als 3000 Kilometer entfernten Ägypten von der Niederlage des Deutschen Reiches erfuhr. Zu diesem Moment notiert er in seinen Erinnerungen: „Der Kaiser war weg, und der Krieg verloren. Während wir hier noch unsere Leiden geduldig tragen, in der Gewissheit, ein ganz klein wenig für unser Vaterland geopfert zu haben, um diesem zu einem Siege zu verhelfen, ist die Heimat schon zusammengebrochen. Ich fange an, mir bittere Vorwürfe zu machen. Siegen oder Sterben; so hatten wir es in unserer aktiven Dienstzeit gelernt. Keines von beiden hatte ich bis jetzt erfüllt.“ Es sind die bittertesten Worte in Detjens Buch.

 

„Er hat das Gute in Erinnerung behalten“, erzählt sein Sohn heute. „Alles andere wollte er vergessen.“ Nach Ägypten wollte er aber immer wieder zurück. Bis kurz vor seinem Tod wusste er nicht, dass er Lungenkrebs hat. „Zuletzt konnte er nur noch mit einem Sauerstoffgerät atmen“, erinnert sich sein Sohn. 1958 starb Hinrich Detjen. Ägypten hat er nie wieder gesehen.

 

Download: Hier können Sie das Buch von Hinrich Detjen als PDF-Datei herunterladen.

Herr Langner sammelt den Krieg
VON STEFAN LAKEBAND

Die Geschichte hinter Uniformen und Orden aus dem Kaiserreich faszinieren einen Nordenhamer – in einem Museum teilt er seine Leidenschaft  |  ©  Christoph Kellner

Nordenham. Stolz geht Richard Langner durch die schmalen Gänge seines Museums. Die Vitrinen reflektieren sein Spiegelbild und zeigen einen kleinen Mann mit braunen Haaren, grünem Pullover und brauner Jacke. Ein Mann, dessen Augen funkeln, wenn er sich die lebensgroßen Figuren in den Glaskästen anschaut. „Bevor Sie die Uniform bekommen, gewinnen Sie fünf Mal im Lotto“, sagt er und bleibt stehen. Sein Blick fällt auf eine Puppe in beigefarbener Tropen-Uniform. Langners Lieblingsstück. Er strahlt.

Richard Langner, Militärhistorisches Museum    |    © Christoph Kellner

Langner sammelt seit 40 Jahren Militaria: Uniformen, Waffen, Orden, Ausrüstung. Eben alles, was mit dem Militär zu tun hat. 2005 hat er mit anderen Sammlern den Alten Flakleitstand in Nordenham gekauft und das Militärhistorische Museum eröffnet. Dabei war es Zufall, dass Langner überhaupt angefangen hat, sich für Militaria zu interessieren. Sein Nachbar hatte damals einen alten, verrosteten Säbel bekommen.


Und weil Langner sich mit Metall auskannte, hat er ihm bei der Restauration geholfen. Von den Waffen ist Langner aber schnell wieder los gekommen. „Nicht mein Ding“, sagt er. Uniformen hingegen schon. Aber nur zum Sammeln. Er hat zwar Wehrdienst geleistet, „doch das konnteste dir damals nicht aussuchen“, sagt der 61-Jährige, dessen Worte sich beinahe überschlagen, der aber sonst eine fast ansteckende Ruhe ausstrahlt.

 

Also sammelt Langner lieber, als selbst in die Soldatenkleidung zu schlüpfen. Spezialisiert hat er sich auf den Ersten Weltkrieg. Nicht nur, weil er sich dafür interessiert. „Dann wird man auch nicht sofort in die rechte Ecke gestellt“, sagt er. Wer sich für alte Militärgegenstände interessiere, sei doch ein verkappter Nazi, heißt es oft. Stimmt alles nicht, wiegelt auch Uwe Bargmann ab, ebenfalls Militariasammler und ein Freund von Langner. „Bei uns Sammlern haben auch nicht mehr Leute rechte Tendenzen als im Rest der Bevölkerung.“

 

Im Flur des Museums liegen alte Granaten und Gasmasken, an den Wänden hängen sepiagefärbte Bilder von Soldaten und Ehrentafeln, die an Gefallene erinnern. Der Krieg ist überall. Mit Militarismus haben diese Artefakte aber nichts zu tun, versichert Langner. Auch Bargmann sieht das so. „Die Leute wurden vom Staat aufgefordert, in den Krieg zu ziehen und dann beschissen“, sagt er. „Aber diese Zeit gehört nun mal dazu.“ Den beiden Sammlern geht es nicht um Verherrlichung, sie wollen bewahren. Dazu gehören natürlich auch die Waffen, Uniformen und Orden, die sie auf Flohmärkten oder bei Sammlerbörsen zusammentragen. Doch ihr Fokus liegt eigentlich auf den Schicksalen hinter diesen Objekten. Erbstücke oder Dachbodenfunde – „da steckt meist eine Geschichte hinter. Die will ich sammeln“, sagt Bargmann. Deswegen kauft der 51-Jährige mit dem schwarzem Stetson-Hut und der Goldkette seine Militaria fast nur von Privatpersonen aus der Region. „Objekte von hier sollen auch hier bleiben“, findet er.

Uwe Bargmann, Militariasammler    |    ©  Christoph Kellner

Langner nickt. Auch er baut über Geschichten eine Beziehung zu den Gegenständen auf. Erst kürzlich hat er über einen Kontakt eine Trompete bekommen. „Eigentlich nichts Besonderes“, sagt er. Aber das Musikinstrument birgt eine Geschichte. „Die Person hat mir erzählt, dass der Opa die Trompete in den ersten Tagen des Ersten Weltkriegs in Belgien erbeutet hat“, erinnert sich Langner. Angesteckt von diesen Infohäppchen, hat er nachgeforscht. Eine Prägung auf dem Instrument hat ihm verraten, dass es tatsächlich eine belgische Militärtrompete vom 1. Regiment ist. Dann habe er weiter recherchiert und herausgefunden, dass dieses Regiment auch in Kämpfe verwickelt war. „Und so ist eine kleine Geschichte darum entstanden“, sagt der 61-Jährige.

 

Welchen Platz die Trompete und ihre Geschichte bekommen, plant Langner in seinem Büro. An der Wand sind Unmengen von Büchern kunstvoll um das kleine Fenster herum gebaut, an einem Schrank hängen zwei halb fertige Uniformen.

Es ist auch der Ort, an dem der Nordenhamer das macht, was ihm besonders gefällt: Er bereitet seine Fundstücke auf. „Da schaut man, welche Abzeichen und Knöpfe zu der Uniform passen und wo man die her bekommt“, erklärt er. Bis alles fertig sei, könnten schon ein paar Wochen vergehen.

 

Danach kommen die historischen Kleidungsstücke in die Ausstellung. Insgesamt 120 Soldatenpuppen in voller Montur stehen dort. Einige hat Langner liebevoll in Szene gesetzt. So wie die Soldaten im Schützengraben. Sie

zeigen das Leben im Stellungskrieg, während im

Hintergrund Maschinengewehre feuern. Die meisten

präsentieren jedoch stumm ihre Uniform.

In Sammlerkreisen gilt das Museum als Geheimtipp – gerade weil Langer so viel ausstellt. „In der heutigen Museumskultur ist das eigentlich anders“, erklärt er. Langner will viele Exponate sehen. Auch Bargmann hält nicht viel von zu vielen Hintergrundinformationen. „Lesen, lesen, lesen – das ist es nicht. Wenn es was zu sehen gibt, das ist spannend.“

 

Das hat Langner in seinem Museum beherzigt. Viele Exponate, ein bisschen Text. Am liebsten eine persönliche Geschichte – so wie die der belgischen Trompete.

Impressionen, Museum im alten Flakleitstand    |    ©  Christoph Kellner

Kapitel 12

Blutrote Blüten

Ein Kunstprojekt mit 888.246 Mohnblumen aus Keramik erinnert in London 2014 an den Ersten Weltkrieg - für jeden britischen Gefallenen eine.   |  ©  dpa

Während in der deutschen Gedenkkultur der Erste Weltkrieg hinter dem Zweiten verblasst ist, wird an ihn anderswo mit großen Zeremonien erinnert. Die britische Regierung lässt sich die Feierlichkeiten im Gedenkjahr 2014 rund 66 Millionen Euro kosten. Überraschend nah ist der Erste Weltkrieg außerdem im fernen Australien.

VON JAN RAUDSZUS


Bremen. Der nachtschwarze Himmel färbt sich langsam blau. Tausende Menschen stehen dicht gedrängt, um einem einzigen Hornisten zuzuhören. Der Mann in Uniform spielt eine getragene Melodie. Es ist das Hornsignal „The Last Post“, das häufig militärische Begräbnisse begleitet. Zwei Schweigeminuten folgen. In Australien beginnt die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg jedes Jahr mit dem Dawn-Service, der Andacht im Morgengrauen.

 

In Deutschland steht beim Gedenken die Mahnung im Vordergrund. Erster Weltkrieg, das sind hier Schützengräben, schreckliche Verwundung und erbärmliches Verrecken. Andere Staaten hingegen erinnern nicht nur an das Leid, sondern feiern auch ihren Sieg oder haben noch ganz andere Motive. Großbritannien und Australien sind dafür gute Beispiele.

 

Schon ein kurzer Spaziergang durch das Londoner Regierungsviertel Whitehall oder entlang der Themse macht deutlich: Krieg, das ist hier immer auch Heldenverehrung. Vielerorts stehen Denkmäler für Soldaten. Der Tag der Erinnerung in Großbritannien ist der 11. November, das Datum des Waffenstillstands im Jahr 1918, der Armistice-Day. Hinzu kommt der Rememberance-Sunday, der zweite Sonntag im November, der inzwischen die britischen Veteranen und Gefallenen aller Kriege ehrt. An beiden Tagen gibt es unzählige Gedenkveranstaltungen mit Paraden und Kranzniederlegungen. Mehr als 800 Denkmäler für Kriegstote soll es in Großbritannien geben.

 

„Der Erste Weltkrieg hat gerade für die Älteren immer noch eine Bedeutung. Die haben Erinnerungen an ihre Großeltern“, sagt Patricia Sahlmen. Die gebürtige Britin hat in Südafrika einen deutschen Seemann kennengelernt und ist mit ihm später nach Deutschland gezogen. Heute lebt sie in Ganderkesee. Auch bei ihr haben sich gewisse Bilder eingeprägt: „Wie mein Großvater meinen Sohn Michael auf dem Schoß hatte und ihm vom Krieg erzählt hat, da würde ich schon sagen, dass er stolz klang, auch wenn er bestimmt Schreckliches erlebt hat“, erzählt Sahlmen.

 

Wichtig für die Erinnerung in Großbritannien ist der Poppy, die künstliche Mohnblume, die man sich an die Kleidung heftet. Sie geht zurück auf das Gedicht „In Flanders Fields“. Der Verfasser, der kanadische Sanitätsoffizier John McCrae, erzählt darin vom Kampf in Flanderns blühenden Mohnfeldern. Die Blüten wurden vom Symbol. Von Ende Oktober bis mindestens zum Armistice Day kann man die Anstecker überall in Großbritannien sehen. „Da geht kein Mensch ohne Poppy auf die Straße“, sagt Sahlmen.

Hier können Sie das Gedicht „In Flanders Fields“ hören. Sprecher: James Q. Sheehan.

An den Great War, wie die Briten ihn nennen, wird in diesem Jahr auf besonders üppige Weise erinnert. Am Tower in London wurde ein Denkmal aus 888.246 Keramik-Mohnblumen eingeweiht, in Gedenken an die britischen Gefallenen – für jeden Toten eine. Die BBC zeigt reihenweise Spielfilme, Dokumentationen und Fernsehserien. Es gibt unzählige Gedenkfeiern, Lesungen und Theateraufführungen. Rund 66 Millionen Euro lässt sich die britische Regierung die Feierlichkeiten kosten.

 

Woher der Unterschied zur Erinnerungskultur Deutschlands und anderer Staaten kommt, hat offensichtlich damit zu tun, dass auf der einen Seite Gewinner und auf der anderen Verlierer stehen. Patricia Sahlmen glaubt aber noch einen anderen Grund ausgemacht zu haben. Für sie hat das etwas mit der Mentalität zu tun. Zwar ginge es beim Gedenken natürlich auch in Großbritannien um die Gefallenen und das Leiden, aber der Ton sei eben ein anderer. „In Deutschland wird immer die schlechte Sache rausgepult.“

 

An der Seite der Briten kämpften auch die Australier im Ersten Weltkrieg. Zur ihrer Unterstützung schickten sie gemeinsam mit den Neuseeländern das Australien and New Zealand Army Corps (Anzac) nach Gallipoli. Am Anzac-Day, dem 25. April, gedenken die beiden Staaten traditionell der Schlacht auf dieser Halbinsel, die heute in der Türkei liegt. Inzwischen erinnert der Tag aber auch an die Teilnehmer aller „Kriege, Konflikte und friedenserhaltenden Missionen“, wie es offiziell heißt.

Beim Anzac-Day erinnern die Australier unter anderem mit Militärparaden an ihren Kampf im Ersten Weltkrieg – damals wurde die Nation erstmals als souveräner, von Großbritannien losgelöster Staat gesehen.   |  ©  dpa

Karina de Santis kommt ursprünglich aus Polen. Als Jugendliche wanderte sie mit ihren Eltern zunächst nach Neuseeland aus, später zog sie nach Australien. Heute lebt sie in Bremen. „Den Anzac-Tag kannte ich schon aus Neuseeland, aber erst in Australien habe ich begriffen, was das soll“, sagt de Santis. Zuerst sei sie über die Feierlichkeiten irritiert gewesen, weil sie den Krieg zu verherrlichen schienen.

 

Irgendwann nahmen sie Freunde sie zu einem Dawn-Service mit der morgendlichen Andacht, und de Santis erlebte am Anzac-Day Reden und Paraden mit Veteranen und Darstellern historischer Figuren. „Die Australier sind sehr stolz auf ihr Land und ihre kurze Geschichte. Der Erste Weltkrieg ist dabei wichtig, weil Australien und Neuseeland damals das erste Mal richtig als souveräne Staaten wahrgenommen wurden“, sagt die junge Frau. Offiziell war Australien bereits seit 1907 praktisch unabhängig von Großbritannien.

 

Inzwischen kann Karina de Santis der Feier, die sogar auf der Halbinsel Gallipoli begangen und im australischen Fernsehen übertragen wird, etwas Positives abgewinnen: „Ich finde es wichtig, daran zu erinnern, dass Freiheit nicht umsonst ist.“ Natürlich habe das alles mit Nationalstolz zu tun und das Militärische werde betont. „Ich habe schon das Gefühl, dass die Soldaten als Helden gesehen werden.“ Mittlerweile werde bei der Feier allerdings mehr Wert auf den humanitären Hintergrund von aktuellen Militäreinsätzen gelegt. Als „ironisch“ empfindet es de Santis dennoch, dass der Erste Weltkrieg so weit ab der früheren Schlachtfelder wichtiger zu sein scheint als in Deutschland.

Frankreichs Großer Krieg
VON JÖRN SEIDEL

Frankreichs Staatspräsident François Hollande entfacht unter dem Pariser Triumphbogen in Gedenken an die gefallenen Franzosen im Ersten Weltkrieg die sogenannte Ewige Flamme.  |  ©  AFP

Wie die Briten nennen ihn die Franzosen den Großen Krieg: la Grande Guerre. In Frankreichs Erinnerungskultur ist der Erste Weltkrieg wichtiger als der Zweite. Ein Grund dafür: Viele Schlachten fanden auf französischem Boden statt. Auch galt die Niederlage Deutschlands 1918 für die Franzosen als großer Sieg. Entsprechend heroisch wird bei den rituellen Zeremonien der gefallenen Soldaten gedacht. Jeden Abend wird für sie unter dem Pariser Triumphbogen eine Flamme entfacht. Der Große Krieg hat die Franzosen nachhaltig zusammengeschweißt. Mancher Historiker erkennt in ihm sogar den „Ursprungsmythos des modernen Frankreichs“.

Sanfte Therapien im St.-Jürgen-Asyl
VON STEFANIE GRUBE

Das St.-Jürgen-Asyl ist der Vorgänger des Klinikums Bremen-Ost.  |  ©  Gesundheit Nord

 

Bremen. Die ersten Soldaten kamen schon kurz nach Kriegsbeginn vom Schlachtfeld ins Bremer St.-Jürgen-Asyl. Das heutige Klinikum Ost war damals, 1914, noch ein „Asyl für Geistes- und Nervenkranke“ mit 300 Betten. Erbaut wurde es Anfang des Jahrhunderts außerhalb der Stadt – wegen der „ländlichen Verhältnisse“, die „einen besonderen Reiz“ für die Pfleglinge hätten, heißt es in einer Akte aus dem Staatsarchiv Bremen. Die Klinik verteilte sich auf mehrere kleine Gebäude, dazwischen: Garten.

 

Auf die erkrankten Soldaten war das St.-Jürgen-Asyl nicht vorbereitet. Die militärischen Patienten wurden zusätzlich zu den zivilen aufgenommen und genau wie diese behandelt. Dabei brachten die Kriegsheimkehrer neue Krankheitsbilder mit: „Sind Sie krank?“, fragt ein Arzt des St.-Jürgen-Asyls einen Soldaten. „Krank nicht“, antwortet dieser, „aber gesund ist man auch nicht mehr – wenn man zweieinhalb Jahre im Feld gewesen ist – dann hat sich alles wohl zusammengezogen.“ Dieser Wortwechsel, den die Kulturwissenschaftlerin Maria Hermes in den psychiatrischen Akten des Krankenhauses aus dem Jahr 1918 gefunden hat, zeigt die schwierige Aufgabe der Ärzte: Also nicht krank? Was tun mit den Männern, die nicht mehr auf das Schlachtfeld wollen oder können?

Heute würde man posttraumatische Belastungsstörungen diagnostizieren. Doch damals galten die Kriegstraumatisierten als Drückeberger und Schwächlinge – und wurden brutal therapiert (siehe Artikel unten). Maria Hermes war daher reichlich überrascht, als sie die Akten des Bremer St.-Jürgen-Asyls durchsuchte: Die dortigen Behandlungmethoden waren weitaus sanfter als seinerzeit üblich. Sie unterschieden sich sogar kaum von denen vor dem Krieg. Die gängigste Therapiemethode für psychisch Kranke im St.-Jürgen-Asyl sei sowohl vor als auch nach 1914 die Behandlung im Krankenbett gewesen, sagt Hermes, die über jene Zeit ein Buch geschrieben hat: „Psychiatrie im Krieg“.

Krankenbett bedeutet, dem Gehirn zur Erholung möglichst viel Ruhe zukommen zu lassen. Die Methode entstand gegen Ende des 19. Jahrhunderts in klarer Abgrenzung zu Methoden wie der Zwangsjacke und dem Zwangsstuhl – und zeigt die Grundeinstellung des Bremer Klinikums. Dem Kranken sollte im St.-Jürgen-Asyl nicht das Gefühl gegeben werden, eingesperrt zu sein – daher auch die Bezeichnung Asyl: Zufluchtsstätte. Diese Haltung änderte sich auch mit den neuen Patienten nicht, den erkrankten Soldaten.

 

Interview mit Frau Dr. Maria Hermes - Forschungs-ergebnisse

Neben der Bettbehandlung wurde im St.-Jürgen-Asyl die Arbeitstherapie am häufigsten eingesetzt. Laut Hermes behandelte man etwa 50 Prozent aller Patienten so. Für die Soldaten wurden eigene „Arbeitskolonnen“ zur Feldarbeit gegründet. Ein weiteres Zehntel der Patienten bekam die nicht ganz so angenehme Methode der Dauerbadbehandlung zu spüren. Dabei mussten die Patienten über längere Zeit in warmem Wasser liegen, das sollte entspannen. Die Methode führte allerdings 1913 und 1914 zum Tod von zwei Patienten – sie lagen zu lange im zu warmen Wasser.

So positiv die für ihre Zeit sanfteren Behandlungsmethoden im Bremer St.-Jürgen-Asyl auch waren: Aus heutiger Sicht sind sie eine verpasste Chance, sich mit den spezifischen Traumatisierungen der Soldaten nachhaltig zu befassen. Mit fatalen Konsequenzen, glaubt Maria Hermes: „Möglicherweise war es gerade das Fehlen der Auseinandersetzung mit dem Krieg auch nach 1918, das die Geschehnisse der Psychiatrie im Nationalsozialismus ermöglichte.“

Interview mit Frau Dr. Maria Hermes - Eigene Familienrecherche

Bei der „Aktion T4“ wurden im Zweiten Weltkrieg Menschen mit Behinderung und psychisch Erkrankte systematisch vergast. Begründung: lebensunwürdig. 5000 von ihnen waren Soldaten, die seit ihrer Heimkehr von den Fronten des Ersten Weltkriegs in psychiatrischen Anstalten weggesperrt wurden.

Fehldiagnose bei Traumatisierten
VON STEFANIE GRUBE

München. Im September 1916 treffen sich Deutschlands führende Militärpsychiater zur sogenannten Kriegstagung in München, um die psychischen Leiden heimgekehrter Soldaten besser zu verstehen. Der Berliner Neurologe Hermann Oppenheim plädiert dafür, ihre Neurosen als unmittelbare Folgen der Kriegsleiden anzuerkennen, sprich als posttraumatische Störungen. Durchsetzen können sich jedoch die Kollegen Robert Gaupp und Karl Bonhoeffer – mit fatalen Folgen.

Interview mit Frau Dr. Maria Hermes - Die Verbindung zu heute

Ihrer Theorie zufolge beruht die „Kriegskrankheit“ auf einer erblich bedingten Willensschwäche der Soldaten. Laut Gaupp waren die Kriegsneurotiker „wertlose Parasiten der menschlichen Gesellschaft, ... sich und anderen zur Last!“, schreibt Franziska Dunkel vom Haus der Geschichte Baden-Württemberg. Die Kongressteilnehmer entschieden sich somit mehrheitlich gegen die Diagnose Neurose – für den Begriff Hysterie. Die Behandlungsmethoden waren brutal: Hungerkuren, Elektroschocks oder Zwangsexerzieren.

 

Historiker gehen davon aus, dass im Ersten Weltkrieg mehr als 600.000 Soldaten an sogenannten Krankheiten des Nervengebietes litten. Riskante Schocktherapien gab es laut „Ärzteblatt“ in ganz Europa – deutlich öfter als psychotherapeutische Verfahren.

 

Das Stigma, als traumatisierter Soldat ein Schwächling zu sein, hält bis heute an, wenn auch in abgeschwächter Form. Mitunter sprechen Kameraden von „Weicheiern“, wenn sich Bundeswehrsoldaten nach ihrer Heimkehr vom Auslandseinsatz psychologische Hilfe suchen. Die bietet die Armee in einem weiten psychosozialen Netzwerk aus Ärzten, Truppenpsychologen, Sozialarbeitern und Militärseelsorgern. Trotzdem sucht nur etwa jeder fünfte betroffene Soldat, so eine vom Bundestag in Auftrag gegebene Dunkelzifferstudie, aus Scham oder Angst vor beruflichen Nachteilen professionelle Hilfe auf.

Kapitel 13

„Sie waren keine Schlafwandler“

Der deutsche Kaiser Wilhelm II. (Mitte) bei einem Besuch der deutschen und österreichisch-ungarischen Truppen in Galizien (heutige Westukraine).   |  ©  dpa

Der Historiker Volker R. Berghahn über die Schuld Deutschlands am Ausbruch des Ersten Weltkriegs, Fehleinschätzungen des australischen Historikers Christopher Clark und langfristige Lehren.

VON ALEXANDER TIETZ

Herr Berghahn, die Debatte um Deutschlands Schuld am Ausbruch des Ersten Weltkriegs reißt 100 Jahre später nicht ab. Wollen Sie die Gelegenheit nutzen, sich einzumischen?

 

Volker R. Berghahn: Mir als Historiker ist nicht die Frage der Schuld wichtig, sondern die Frage der Verantwortung. Es ist wichtig herauszufinden, wer die Entscheidungen vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs traf. Ich bezweifle, dass die Entscheidungsträger – wie der Historiker Christopher Clark behauptet – in den Krieg schlitterten, ohne dass sie wussten, was sie taten. Sie waren keine Schlafwandler.

Deutschland und Österreich-Ungarn wussten also genau, dass ihr Verhalten auf einen großen Krieg hinauslaufen könnte?

 

Ich sehe die Verantwortung für den Krieg vor allem in Berlin und in Wien. Die Last wiegt umso schwerer, wenn man sich vor Augen hält, dass weder die Bevölkerung den Krieg wollte, noch die Geschäftswelt. Es gab viele Friedensdemonstrationen. Die Menschen wurden hineingezogen, weil Kaiser Wilhelm II. den Krieg als Verteidigungskrieg verkaufte.

Volker Rolf Berghahn, Professor für Geschichte an der University of Columbia in New York.    |    © fr

Mit der berühmten Blankovollmacht sicherte Deutschland Österreich-Ungarn Unterstützung zu, wenn es infolge eines österreichischen Angriffs gegen Serbien zu einem Krieg mit Russland kommt. Das war eine Entscheidung, die einleuchtend für Deutschland war. Österreich-Ungarn war immerhin der einzige Bündnispartner.

Die Österreicher waren natürlich interessiert, den Serben eins auszuwischen. Der Blankoscheck der Deutschen war als Unterstützung für einen regionalen Krieg auf dem Balkan gedacht. Alle gingen davon aus, Serbien schnell zu schlagen und im Anschluss auf einer internationalen Konferenz Österreich-Ungarn zu stabilisieren.

 

 

Es kam anders.

 

Der Versuch scheiterte, weil Deutschland nicht mit den Russen gerechnet hatte. Das war der fatale Fehler. Die deutsche Reichsleitung nahm das Risiko eines großen Krieges in Kauf. Am Ende ließ sich der Konflikt nicht mehr auf den Balkan lokalisieren, als der russische Außenminister Sasonow auf das Ultimatum an Serbien mit dem Ausruf reagierte: „C‘est la guerre“ (französisch: Das ist der Krieg).

Empfang auf dem Marktplatz: Das 75. Infanterie-Regiment kehrt am 01. Januar 1919 aus dem Krieg zurück.   |  ©  Nachlass Eugen Ritter

Österreich-Ungarn trifft ebenfalls eine große Schuld. Nach dem Attentat auf den österreichisch-ungarischen Thronfolger verstrichen mehrere Wochen, ohne dass Österreich-Ungarn reagierte. Inwiefern war das fahrlässig?

 

Eigentlich sollte die Armee schnell in Serbien einmarschieren. Dann verzögerte sich das, vor allem, weil Österreich-Ungarn seine Armee nicht sofort mobilisieren konnte. Die Soldaten waren im Ernteurlaub. Die Welt wurde angesichts der Verzögerungen misstrauisch, insbesondere die Russen. Sie begannen zu vermuten, dass Österreich-Ungarn ein größeres Ziel verfolgt, als nur Rache für die Ermordung des österreichisch-ungarischen Thronfolgers zu nehmen. Insofern zählen die Entscheidungsträger in Wien neben den Akteuren in Berlin zu den Hauptverantwortlichen des Krieges.

 

 

Halten Sie es für gefährlich, wenn Historiker wie Christopher Clark behaupten, es gebe keine Hauptschuldigen für den Krieg?

 

Ich bin unglücklich über seine Thesen. In Deutschland gab es nach der Veröffentlichung seines Buches ein Aufatmen. Viele sagten sich: Es ist schlimm genug, dass wir den Zweiten Weltkrieg auslösten. Jetzt sind wir erleichtert, dass es der Erste Weltkrieg nicht auch noch war.

Nach der Rückkehr

Sollten wir uns diese Erleichterung nicht zugestehen?

 

Es geht nicht darum, bestimmte Menschen zu erleichtern, sondern die Wahrheit herauszufinden. Die Verantwortung lässt sich genauer festmachen. Bei Christopher Clark bleibt eben eine empfindliche Frage zurück: Wer ist am Ende verantwortlich für den Krieg?

 

Der deutsche Politikwissenschaftler Herfried Münkler sagt, der Erste Weltkrieg sei ein Kompendium für alle erdenklichen Fehler, die Entscheidungsträger begehen könnten. Sehen Sie es ähnlich?

 

Schon im Ersten Weltkrieg haben die Konservativen den Schluss gezogen, dass die wilhelminische Weltpolitik verfehlt war. Anstatt zuerst die Position auf dem Europäischen Festland zu sichern, vergrätzte man die Engländer mit der Seerüstung. In Adolf Hitlers Buch „Mein Kampf“ lässt sich diese Anklage gegen Wilhelm II. finden.

Ein Jahr nach Ende des Krieges lassen sich staatstreue Soldaten am Bremer Rathaus immer noch symbolträchtig mit Kanonen fotografieren.   |  ©  Nachlass Eugen Ritter

Welche Schlüsse zog Hitler daraus?

 

Auf dieser Grundlage begann Hitler seine Strategie für die Auslösung des Zweiten Weltkrieges in zwei Schritten zu planen. Im Vergleich zum Kaiser wollte sich Hitler eben nicht zu viel auf den Teller packen. Deswegen wollte er mit seinem Stufen-Plan erst Russland erobern und dann später die Engländer und Amerikaner in einem Kampf um die Weltherrschaft bekriegen.

 

 

Offenbar hat Hitler wenig aus den Fehlern des Kaisers gelernt.

 

Hitler hatte den Krieg schon Ende 1941 verloren, weil er die Macht seiner Gegner und vor allem das Industriepotenzial der USA in seinem Größenwahn unterschätzte. Zwar gelang es der Wehrmacht 1942 weiter in den Südosten der Sowjetunion vorzustoßen. Dann kam im Winter 1942/43 in Stalingrad die große Wende. Genauso wie Wilhelm II. überschätzte er sich maßlos. Kurzum, die Deutschen haben sich in beiden Kriegen zu viele Feinde gleichzeitig gemacht.

Welche langfristigen Lehren lassen sich aus dem Ersten Weltkrieg ziehen?

 

Historiker sind etwas feige, wenn sie gefragt werden, ob aus ihren Studien konkrete Lehren gezogen werden können. Es steht immer die Frage im Raum, inwiefern man die Vergangenheit auf die Gegenwart übertragen kann.

 

 

Eventuell lassen Sie sich auf die Frage ein, warum Deutschland heute mit der Rolle einer politischen und wirtschaftlichen Zentralmacht klar kommen soll, wenn dies im Jahr 1914 kräftig misslungen ist.

 

Wir haben heute eine weniger konzentrierte Entscheidungssituation als im Jahr 1914. Heute entscheiden erheblich mehr Personen über die Schachzüge. Deutschland ist vorsichtig geworden. Heute überwiegt die Philosophie: Lasst uns lieber die Uhren anhalten und diskutieren, in der Hoffnung, dass wir gemeinsam eine Vereinbarung treffen. Das ist eine langfristige Lektion aus beiden Kriegen, die man nach 1945 beherzigt hat.

Wie der Krieg begann – eine Chronologie in Bildern

Derzeit gibt es viele Dokumentationen, Vorträge, Theaterstücke, Filme und Medienberichte über den Ersten Weltkrieg. Ist das Brimborium um den Ersten Weltkrieg im Grunde nicht mehr, als ein bloßer Jubiläums-Reflex?

1914 liegt hundert Jahre zurück, was ein erhöhtes öffentliches Interesse in Europa zur Folge hat. Der Erste Weltkrieg wird wieder viel diskutiert. Ob das fortwirkt, bleibt abzuwarten. Wir leben zu stark in der Gegenwart und sind mit unseren aktuellen Problemen beschäftigt. Diese Probleme haben aber eine geschichtliche Dimension, aus der man Einsichten für die Gegenwart gewinnen kann. Wir sollten uns eingestehen, dass Geschichte zur Gegenwart werden kann.


Wie gegenwärtig die Vergangenheit sein kann, lässt sich an der aktuellen Bündnisbildung sehen, die ähnlich explosiv wie vor 100 Jahren zu sein scheint. Nehmen wir China und Russland. Sie bilden einen Konterpart gegen den Westen. Und der russische Staatspräsident Putin scheint Konflikte nicht zu scheuen.

Die Amerikaner und die Russen haben genug aus dem Kalten Krieg gelernt. Die Zerstörungskraft der Atomwaffen hatte man in den 50er Jahren noch unterschätzt. Der erste Bundeskanzler Konrad Adenauer dachte noch, die taktischen Atomwaffen seien eine verstärkte Artillerie. Es ist natürlich immer gefährlich, militärische Macht zu unterschätzen, denn es besteht die Gefahr, dass die Gewaltanwendung eskaliert.

 

Wie der Krieg endete – eine Chronologie in Bildern

Kann einer der Akteure die Fassung verlieren?

 

Die Großmächte müssen sich vorsehen. Sie dürfen sich nicht verkalkulieren. Schauen wir uns die Irak-Krise im Jahr 2003 an: Die Amerikaner sind dort einmarschiert und eingegangen, weil sie völlig ignorant über die Komplexität der Situation waren. Sie dachten, sie könnten den Konflikt in einem Blitzkrieg beenden. Nun sind die Amerikaner wieder dort.

 

 

Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks in den 90er Jahren wollten die Amerikaner das Weltgeschehen dominieren. Nunmehr gerät diese Position in Gefahr, was zu Kurzschlüssen führen kann.

 

Die Zukunft ist immer ungewiss. Aber die Amerikaner werden sich hüten, einen Krieg zu beginnen. Erstens sind sie durch den Afghanistan- und den Irak-Krieg militärisch geschwächt. Zweitens schlagen die innenpolitischen Probleme zu Buche. Die Amerikaner sind in einer Situation, in der sie vorsichtig sein müssen. Derzeit können wir davon ausgehen, dass weder die Amerikaner noch eine andere Großmacht auf einen großen Krieg hinarbeitet.

Reden wir über den Krieg!
VON KIRA PIEPER UND MAX POLONYI

Onno Schroeder  |  ©  Christoph Kellner

Schülerinnen und Schüler lernen auch heute noch Hintergründe und Folgen des Ersten Weltkriegs. Um die Geschichte langfristig in den Kinderköpfen zu verankern, arbeiten Pädagogen mit anschaulichen Unterrichtsmethoden. Damit ist das Interesse der meisten Schüler geweckt. Aber berührt sie der Krieg auch?

 

Bremen. Donnerstag, acht Uhr morgens. Gerade eben hat die Schulglocke zur Geschichtsstunde geschellt. Eine knarzige Tonbandaufnahme des Soldatenliedes „Der gute Kamerad“ erfüllt den kleinen Klassenraum des Hermann-Böse-Gymnasiums. „Ich hatt‘ einen Kameraden, einen bessern findst du nit. Die Trommel schlug zum Streite, er ging an meiner Seite in gleichem Schritt und Tritt.“ Über eine Leinwand huschen im Sekundentakt Schwarz-Weiß-Fotos von Szenen aus Schützengräben und Ehrendenkmälern, die per Beamer von einem Laptop an die Wand gestrahlt werden.

 

„Eine Kugel kam geflogen, gilt’s mir oder gilt es dir?“ Die 23 Schüler des 11. Jahrgangs würdigen die alten Fotografien auf der Leinwand keines Blickes. Stattdessen blicken sie konzentriert auf den Liedtext, den Lehrer Onno Schroeder – 32 Jahre, Nickelbrille und Dreitagebart – ihnen ausgeteilt hat. Die pathetisch klingenden Männerstimmen sind auf der historischen Tonbandaufnahme kaum zu verstehen. Mit ernsten Mienen markieren die 16- bis 17-Jährigen Textstellen. Niemand sagt ein Wort. Heute geht es um Totengedenken im Ersten Weltkrieg.

 

„Ihn hat es weggerissen, er liegt mir vor den Füßen, als wär’s ein Stück von mir.“ Der Chor verstummt, ein Knacken kündigt das Ende der Aufnahme an. Für einige Augenblicke herrscht Ruhe im Raum. Lehrer Schroeder durchschneidet die Stille: „Empfindet ihr das Lied als kriegsverherrlichend?“ Sofort schnellen sieben Finger nach oben. Nick sagt: „In dem Lied stehen Tod und Trauer im Vordergrund. Ich finde, das hat nichts Kriegsverherrlichendes.“ Merle vertritt eine andere Ansicht: „Es wird verherrlicht, wie der gefallene Soldat daliegt. Der Tod wird geschönt dargestellt.“

Die Schüler diskutieren über den Text des Soldatenliedes „Der gute Kamerad“.  |  ©  Christoph Kellner

Auf der anderen Seite des Raumes bekommt sie von Josefine Unterstützung: „Im Lied wird alles euphemistisch dargestellt: Der Text ist negativ, aber das kommt mit der Melodie überhaupt nicht rüber. Es scheint, als tun die Soldaten etwas Gutes, dabei handelt es sich um etwas Negatives.“ Schroeder wirft ein: „Das Lied wird heute noch bei Trauerfeiern gefallener deutscher Soldaten gespielt. Könnt ihr Euch vorstellen, warum?“ Nina hat eine Antwort parat: „Na ja, damit es für Familien einen Sinn ergibt, warum der Sohn gestorben ist.“ Schroeder bestätigt dies: „Ganz genau. Damit der Krieg einen Sinn bekommt. Das ist heute nicht anders als damals. Familien wollen, dass der Tod ihres Sohnes nicht umsonst gewesen ist.“

 

Wie kriegsbegeistert sind die Deutschen heute?

100 Jahre sind seit dem Kriegsbeginn vergangen. Weder die Schüler selbst, noch ihre Eltern oder Großeltern haben den Ersten Weltkrieg miterlebt. Längst Vergangenes den Schülern „schmackhaft“ zu machen, sei deswegen die wichtigste Aufgabe für ihn als Lehrer, sagt Onno Schroeder. „Das Fach Geschichte kämpft ohnehin immer mit dem Vorurteil, dass man es nicht mehr braucht, weil es Vergangenes behandelt“, sagt der Lehrer. „Aber wenn man die eigene Geschichte nicht kennt, kann man die Gegenwart nicht verstehen.“ Deswegen versucht er immer wieder, während seines Unterrichts einen Gegenwartsbezug herzustellen. Nicht nur thematisch, auch inhaltlich hat das Hier und Jetzt im Klassenzimmer Einzug gehalten. Dank Internetzugang können Audio- und Videodateien heruntergeladen werden. Das Vergangene wird sicht- und hörbar. Schroeder legt viel Wert darauf, dass seine Schüler die Fakten möglichst anschaulich lernen und sich dann eine persönliche Meinung bilden.

Lehrer Onno Schroeder hat keine leichte Aufgabe, wenn er seine Schüler für einen Krieg interessieren soll, der vor 100 Jahren begann.  |  ©  Christoph Kellner

Seine Strategie scheint Erfolg zu haben: Tatsächlich haben sich die Schüler auch außerhalb des Unterrichts Gedanken über den Ersten Weltkrieg gemacht. Camille erzählt, dass sie auf dem Dachboden herumgestöbert hat und dabei alte Schwarz-Weiß-Fotografien und Dokumente aus der damaligen Zeit in einem Karton gefunden hat. „Es ist ein komisches Gefühl zu wissen, dass die eigene Familie diese Zeit erlebt hat“, sagt sie. „Dass Angehörige im Krieg waren und dort vielleicht ihr Leben ließen.“ Je älter sie selbst werde, desto mehr werde ihr bewusst, was Krieg bedeute und desto mehr interessiere sie sich auch für die Geschichte ihrer Ur-Großeltern.

 

Auch andere haben in ihren Familien das Thema Krieg angesprochen. Sie wollen verstehen, wie junge Männer seinerzeit voller Euphorie und teilweise freiwillig in den Kampf zogen. Die Schüler haben für sich Antworten gefunden: Josefine sagt: „Die Leute haben damals nicht gewusst, was ein Weltkrieg ist. Sie hatten eine romantische Vorstellung davon. Ihnen war nicht bewusst, wie grausam ein Krieg ist.“ Merle sagt ähnliches: „Es war lange kein Krieg gewesen, deswegen diese Begeisterung. Doch die Kriegsführung hatte sich verändert, es gab neue Waffen und damit auch eine neue Form des Tötens.“

 

Vielleicht reicht es den Schülern, diese Antworten gefunden zu haben. Näher lassen sie das Thema Krieg nicht an sich heran. Als die Schulglocke schellt, lockern sich die bedrückten Mienen auf. Die Probleme der Menschen vor 100 Jahren rücken wieder weit, weit weg. Lachend packen die Jugendlichen ihre Stifte und Zettel in ihre Taschen, unterhalten sich über die neu hochgeladenen Fotos auf Instragram oder stecken sich gedankenverloren die Kopfhörer ihres iPod in die Ohren. Leise ist nun nicht mehr „Der gute Kamerad“ sondern „Traum“ von Cro zu hören.

„Gerecht geht’s hier ja doch nicht zu“
VON KLAAS MUCKE

Hermann Heuer  |  © Huchting-Archiv, Rainer Heuer

Huchting ist Hermann Heuers Welt – bis er 30 Jahre alt ist. Der junge Familienvater muss in den Krieg ziehen. Der führt ihn an die Ostfront und im Jahr 1915 in die Gefangenschaft: Sibirien. Ein ganz normales Leben nimmt plötzlich eine Wendung.

Wo sich heute in Kirchhuchting Haus an Haus reiht, baut der Maurermeister noch vor dem Krieg eines der ersten Häuser auf die grünen Wiesen hinter dem Deich. Mit einem Baugeschäft macht Heuer sich selbständig und gründet eine Familie. Nicht einmal ein Jahr später eskaliert die Situation in Europa. Heuers Welt beginnt sich zu verändern. Schon am 4. August verlässt er mit dem Landwehr-Infanterie-Regiment die Stadt Bremen.

 

63 Huchtinger Männer fallen als Soldaten im Ersten Weltkrieg. Hermann Heuer überlebt. Der junge Bauunternehmer schreibt der Familie seiner Schwester und schildert seine Erlebnisse aus dem ersten Kriegswinter an der Ostfront.

Heuer ahnt es  - und wird recht behalten: Es wird noch dauern, bis Frieden ist. Erst fünf Jahre später wird er in Kirchhuchting eintreffen. Bis dahin geht seine Reise weiter ostwärts.

Am 20. Oktober 1915 wird Hermann Heuer verwundet. Er gerät in Gefangenschaft - „unverschuldet“, wie die ihm ausgehändigte Kriegschronik hervorhebt. Mehr als drei Jahre verbringt er dort, zählt die Tage und die Geburtstage seiner Kinder, die Jahr um Jahr älter werden - bevor er am 1. Januar 1919 den Weg nach Huchting antreten darf.

 

Zurück im Dorf, stürzt sich Hermann Heuer in die Arbeit seines Bauunternehmens – und gemeinsam mit vielen Huchtingern errichtet er ein Denkmal für seine gefallenen Kameraden. Bis heute erinnert der Steinsockel im Rücken der Kirche daran, dass der Große Krieg, der Weltkrieg, vorgedrungen ist bis in die kleinsten Orte.

 

Fotostrecke Hermann Heuer

Mit einem großen Fest im Jahr 1921 wird das Denkmal eingeweiht. Hermann Heuers Welt wird von nun an Huchting bleiben. Herumgekommen war er weit genug.